Well Team Times (196)

Offenheit nicht einfordern - Ein Gastbeitrag von Armin Poggendorf

Offenheit ist ein emotionaler Zustand, den man sich zwar wünschen, den man aber nicht ohne weiteres herstellen kann, so wie man zum Beispiel mit seinem Kopf nicken kann. Weder kann man von sich sel­ber verlangen, offen zu sein, noch kann man jemand anders zur Offenheit auffordern. Die Offenheit eines Menschen ist das Ergebnis vieler Faktoren.
Es bringt nichts, dass der Workshopleiter die Teilneh­mer aufruft: „Nun seid bitte offen für das, was hier statt­findet.“ Ist erst der Reisestress vorbei, die Hektik des Tages abgeklungen, sind die Rah­menbedingungen bekannt, kennt man die anderen Teil­nehmer, dann öffnen sich die einzelnen ganz von allein, nach ihrem eigenem Rhyth­mus und mit dem Zuwachs an Vertrauen.
Obwohl man Offenheit nicht verordnen kann, bleibt es Zweck jeder team-dynami­schen Veranstaltung, dass sich die Teilnehmer wieder öffnen. Warum „wieder“ öffnen? Sie mussten sich nämlich allzu oft verschließen, sich schützen. Um gesellschaftlich und beruf­lich zu überleben, haben sie sich abgeschirmt und unter ei­ner gestylten, undurchsichti­gen Oberfläche verborgen. Da­runter haben sich die Reste von erlittenen Verlusten und Verletzungen eingekapselt. Der Teamdynamiker schafft ein behutsames Umfeld und er lädt dazu ein, dass sich die Teilnehmer wieder öffnen, damit das, was der Klärung und Heilung bedarf, an die Oberfläche treten und endlich doch erkannt und angeschaut werden kann. Auf diese Weise können sie sich wieder dem anderen, dem Zwischen­menschlichen widmen. Und schließlich können wieder echte Begegnungen und Be­rührungen geschehen, Bezie­hungen und Verbindlichkeiten eingegangen werden. Die Be­rührungen müssen nicht unbe­dingt mit Weinen oder feuch­ten Augen einhergehen. Sie tun es aber häufig. Das hängt damit zusammen, dass das Weinen einfach geschieht, wenn Teilnehmer die Starre verlassen, wieder in Bewe­gung und in Fluss kommen. Der Teamdynamiker sollte den Ablauf von solchen emotiona­len Prozessen kennen und be­hutsam begleiten.

Positivität und Negativität zulassen
Mit der Offenheit hat es aller­dings seine Bewandtnis. Offen aufzutreten bedeutet nicht nur Friede und Freude zu verbrei­ten, sondern oft auch negativ zu sein. Denn wenn man sich emotional öffnet, wird ganz schnell die negative Seite sichtbar: Es zeigen sich etwa der Unmut, die Unzufrieden­heit oder die Enttäuschung. Aber die Gesellschaft erwartet, ja verlangt immer nur das po­sitive Gesicht, das positive Ver­halten, die positive Stellung­nahme. Und meist ist schon al­les Positive heraus, während das Negative anständig zu­rückgehalten wurde und jetzt bei Öffnung der Schleusen hervorbricht.
Negativität und Positivität sind zwei Pole, zwei Seiten ein und derselben Medaille. Das eine gibt es nicht ohne das andere. Mit Weisheit betrachtet ist das Negative nicht weniger gut als das Positive. Wir bewerten es nur entsprechend und nennen etwas „negativ“, weil es uns drückt, quält und ärgert. Maß­geblich ist der Wunsch, etwas zu ändern. Negativität ist also der Vorläufer von Positivität.
Aus einer negativen Erfahrung wird nach einem Lernprozess, das heißt nach einer Erkennt­nis, einer Korrektur, nach Ar­beit und Einsatz, letztendlich etwas Gutes, Positives. Nega­tivität ist eine Triebfeder für Veränderungen. Wenn alles positiv ist und bleibt, wird sich nichts ändern. Erst wenn man etwas wirklich satt hat oder wenn man leidet, wird man auch etwas ändern wollen – zum Positiven.

Im team-dynamischen Training
Hier darf der betroffene Teil­nehmer negativ sein, seinen Frust abladen, seine Aggressi­on zeigen, seine Kritik ausdrü­cken. Dafür bekommt er im Teamkreis einen geschützten Raum. Der leitende Teamdy­namiker sollte in Wort und Tat förderlich einwirken, das heißt, mit seinen Interventio­nen einen Lernprozess ermög­lichen, der den Frust in Lust und die Kritik in erfüllbare Wünsche wandelt.

Die Teilnehmer zur Achtsamkeit einladen
Achtsamkeit heißt einfach: beobachten, was jetzt gerade geschieht, ohne es zu bewer­ten. Das ist leichter gesagt als getan, denn unser Gehirn ist darauf getrimmt, alle Situatio­nen, Begegnungen, Wahrneh­mungen, Gedanken und Ge­fühle in Echtzeit zu bewerten. Mag ich das oder mag ich das nicht? Sind diese Wahrneh­mungen interessant oder lang­weilig? Sind diese Gedanken anständig oder unanständig? Sind diese Gefühle wün­schenswert oder will ich sie vermeiden?
Dieser Bewertungsreflex hilft uns, die Vielfalt der auf uns einstürmenden Eindrücke zu sortieren und schnelle Ent­scheidungen zu treffen. Zu­gleich schränkt der Reflex un­sere Wahrnehmungsfähigkeit ein, zementiert Denkgewohn­heiten und lässt uns Unge­wohntes oder Ungeahntes leicht übersehen. Das Konzept der Achtsamkeit enthält aber radikale Aufforderungen, die die Teilnehmer erst nach und nach begreifen:

  • Bringe die kreisenden Gedanken zur Ruhe!
  • Gib nicht den vertrauten Denkreflexen nach!
  • Betrachte altbekannte Vorgänge immer wieder neu und vorurteilslos!

Wenn wir die kreisenden Ge­danken loslassen, halten wir uns nicht ständig mit dem Vergangenen auf und verlieren uns auch nicht in Zukunfts­träumen, sondern bleiben in der Gegenwart präsent. Wir schauen nach Innen, während wir gleichzeitig in Verbindung mit dem Außen bleiben.
Mediziner und Psychothera­peuten wissen, dass Achtsam­keitsübungen heilsame Wir­kungen entfalten können. Sol­che Übungen sind mittlerweile in der Therapie von Stress­erkrankungen anerkannt. Denn die erste Voraussetzung für die Bewältigung von Stress ist die Wahrnehmung der eigenen Reaktionsmuster. Bei Depres­sionen hilft insbesondere die Gegenwartszentrierung, um das laufende Kopfkino zu be­enden und aus den fatalen „Grübelschleifen“ auszustei­gen. (Vgl. Ulrich Schnabel, DIE WELT, 10.10.2013)

Ein team-dynamisches Trai­ning sollte immer auch ein Training in Achtsamkeit sein und die Teilnehmer zur Wahr­nehmung des Moments einla­den – beispielsweise indem die Gruppe schweigend im Kreis beisammen sitzt und die Stille genießt. Der Trainer kann da­zu ansagen, den eigenen Atem zu beobachten oder auf den sich sekündlich neu mischen­den „Gedankensalat“ zu ach­ten. „Man bekommt beim Schweigen ganz gut ein Maß für die Zeit“, sagte Bundes­kanzlerin Angela Merkel ein­mal in einer Kabinettssitzung. „Haltet bitte mal eine Sekunde die Klappe!“ meinte sie damit (ZEIT Magazin, 31.10.2013).

Ein wissenschaftlicher Nach­weis der positiven Wirkungen von Stille ist nicht einfach. Das Dilemma der Wissenschaftler ist, dass die wesentlichen Ziele eines Achtsamkeitstrainings nicht objektiv gemessen wer­den können. Man ist auf die Befragung der Teilnehmer an­gewiesen. Die reagieren in der Regel positiv und dankbar.

Regeln im team­dynamischen Training
Die Freiheit des Handelns ist eines der höchsten Güter, die der Mensch besitzt. Freiheit ist die Quelle und gleichzeitig das Ziel allen sozialen Handelns.

Das gilt erst recht im team­dynamischen Training. Der Teilnehmer ist insbesondere frei, sich über einen Verhal­tenskodex hinwegzusetzen, die Norm zu verlassen, die Form zu verletzen, den Rahmen zu sprengen, die Regeln zu bre­chen – zum Beispiel, wenn jemand für ein expressives Statement nicht in die Mitte geht, bei einem Blitzlicht län­ger redet oder sich ein Feed­back nicht anhören will.

Im team-dynamischen Trai­ning wird jedem diese Freiheit garantiert. Kein Teilnehmer wird wegen „negativen Ver­haltens“ disqualifiziert oder gar ausgeschlossen. Das Team muss ihm jedoch zumuten, die Konsequenzen für sein abwei­chendes Verhalten zu ernten. Das kann ein spontaner Jubel oder Applaus sein, ebenso aber auch ein Statusverlust oder die Rüge eines aufge­brachten Kollegen.

 

 

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