Well Team Times (197)

Gleichrangigkeit - Ebenbürtigkeit / Ein Gastbeitrag von Armin Poggendorf

Ebenbürtigkeit ist nicht dasselbe wie Gleichrangigkeit. So
sind zum Beispiel Geschwister ebenbürtig, das erstgeborene
Kind hat im traditionellen Familiensystem jedoch einen höheren Rang
gegenüber jedem später geborenen. Lernen oder spielen die Kinder
gemeinsam, so hat das ältere den höheren Rang, was sich meist dadurch
ausdrückt, dass es dem jüngeren sagt, wo es lang geht.

Eltern und ihre Kinder sind nicht ebenbürtig, das heißt, sie
sind nicht in der gleichen familiären „Ebene geboren“. Lehrer und Schüler sind
auch nicht ebenbürtig, man kann ihre Merkmale und Leistungen nicht vergleichen, jedenfalls nicht, solange der Unterricht stattfindet. Die Rangkämpfe finden nur unter den Schülern statt. Der Lehrer steht außer Konkurrenz.

Um Ebenbürtigkeit kann man nicht konkurrieren. Mitglieder eines Teams
sind von vornherein einander ebenbürtig, zum Beispiel in ihrem Recht
auf Zugehörigkeit, aber sie sind nicht unbedingt gleichrangig. Beispielsweise
hat der Gründer oder Leiter des Teams einen höheren Rang, und der neu Hinzugekommene hat einen niedrigeren Rang als der Altgediente.

Der Rang kann sich ändern, man kann im Rang aufsteigen oder absteigen. So kann man
sich im Beruf darum bewerben, in der Hierarchie aufzusteigen. Die Hierarchieebenen
definieren die Rangunterschiede kategorisch langfristig.

Beim team-dynamischen Training sitzt man im Kreis – ein Symbol für die
Ebenbürtigkeit. Aber die Rangfolgen inklusive Machtfragen wird das Team noch klären müssen. Denn durch eine angestrebte „Gleichrangigkeit“ würde nur endlose unterschwellige Konkurrenz vorprogrammiert. Bei der Klärung der Rangordnung
wird es auf die Aufgabe sowie auf den Einsatz und den Beitrag der einzelnen
Teammitglieder ankommen. Ebenbürtigkeit setzt man voraus vor dem Vergleich,
Gleichrangigkeit stellt man fest nach dem Vergleich.

Zwei sind ebenbürtig:
Es macht Sinn, die beiden zu vergleichen. Man kann Unterschiede feststellen
Zwei sind gleichrangig:
Die beiden wurden verglichen. Hinsichtlich eines Merkmals oder einer Leistung sind sie gleich

Hierarchie und Rangfolge
Unter einer Hierarchie versteht man die pyramidenförmige Rangordnung der Stellen in
einem organisierten sozialen System, mit nach unten abnehmender Verantwortung und Entscheidungsbefugnis („Stellenwert“). Von der Hierarchie unterscheiden muss man das Phänomen der Rangfolge:

  • In der Hierarchie gibt es ein Oben und ein Unten. Die hierarchische Ordnung
    wird von oben für die jeweils unteren Ebenen bestimmt und organisiert.
    Der Papst ernennt seine Kardinäle; der Schulleiter teilt seine Lehrer ein; der
    Chef gliedert seine Abteilung.
  • In der Rangfolge gibt es ein Vorne und ein Hinten. Jedes Individuum erhält
    seinen Rangplatz durch persönliche Merkmale sowie den Zeitpunkt seines Ankommens auf einem bestimmten Niveau.

Eine Hierarchie ist etwas Statisches, eine Ordnung, die eine längere Zeit in Kraft bleibt. Der Vorgesetzte hat seine Mitarbeiter, und die Mitarbeiter haben ihren Vorgesetzten.
Es kann sein, dass jemand niemals auf eine höhere Hierarchiestufe kommt. Hierarchie
kann auch bedeuten, dass Anordnungen befolgt werden, ohne hinterfragt zu werden.

Eine Rangfolge ist etwas Dynamisches. Besteht eine Rangfolge, so stehen die Menschen
in einer Reihenfolge und erwarten, dass sie auch einmal an der Reihe sind. Jeder kommt dran. Jeder, der einmal hinten stand, wird aufrücken und irgendwann weiter vorne stehen. Ein Beispiel finden wir bei politischen Wahlen:
Da gibt es die Listenplätze, bei denen die Reihenfolge der Kandidaten auf der Liste über
ihre Wahlchancen entscheidet.
Im Parlament gibt es die Hinterbänkler, die Nachrücker, die dann vorrücken und schließlich mit Glück und Geschick in der ersten Reihe sitzen.
Im Sport kennen wir die „Weltranglisten“.

Eine Hierarchie ist etwas Statisches, eine Rangfolge etwas Dynamisches.
In der Angewandten Teamdynamik gibt es nur die Rangfolge.

Hierarchie in Organisationen
Organisationen wie Firmen und Verbände funktionieren hierarchisch. Warum funktionieren sie so und nicht etwa demokratisch? Die Leistungen einer Organisation setzen sich aus Teilleistungen zusammen, die sich wiederum aus Teilleistungen
zusammensetzen.
So gibt es auch Verantwortlichkeiten und Teil-Verantwortlichkeiten auf unterschiedlichen
Ebenen. Die Hierarchie der verantwortlichen Personen entsteht mit der Hierarchie der
Verantwortungsbereiche. Diese verhalten sich wie Systeme und Untersysteme, also hierarchisch.
In organisierten Systemen haben die einzelnen hierarchischen Ebenen oft feststehende
Bezeichnungen:

  • Meister, Geselle, Azubi (in Handwerksbetrieben)
  • Sprecher, stellvertretender Sprecher (in einer politischen Gruppierung)
  • Studiendirektor, Oberstudienrat, Studienrat, Studienreferendar
    (im Schuldienst)
  • Geschäftsführer, Hauptabteilungsleiter, Abteilungsleiter, Substitut (in Betrieben)

In vielen deutschen Unternehmen stehen die Rangordnungen in einer militärischen
Tradition. Es gibt feingliedrige Hierarchien und Instanzen, über die

  • Befehle von oben nach unten
  • Informationen von unten nach oben weitergereicht
    werden.

Dabei geht es natürlich auch um Macht und die Zeichen der Macht. Je größer und verzweigter das Firmenimperium desto größer ist die Tendenz, die Ränge der Mitarbeiter und Führungskräfte über Ausstattungen mit symbolischer Bedeutung klarzustellen. So haben Konzerne häufig genau geregelt, ab welchem Rang die Mitarbeiter welchen Dienstwagen fahren, ob sie Anspruch auf ein Büro mit einem oder zwei Fenstern haben und ab wann der Drehstuhl eine Kopfstütze und verstellbare Armlehnen haben muss. Und
auch der Bodenbelag kann ein Ausdruck der Rangstufe sein. Eine Mitarbeiterin, die auf eigene Kosten einen Teppich in ihrem Büro verlegt hatte, wurde gebeten, diesen wieder zu
entfernen. Als sie sich weigerte, wurde er mit Verweis auf Brandschutzregeln herausgerissen. In den Räumen ihrer Vorgesetzten herrschte offenbar keine Feuergefahr.(Vgl. Jens Uehlcke, DIE WELT,
07.01.2006)

Der Ranghöchste darf als erster den Fahrstuhl verlassen
Auch nach neun Jahren in Japan schramme ich beim Aufzugfahren häufig haarscharf an einem Frontalzusammenstoß vorbei. Denn obwohl die Türen sperrangelweit offen stehen, bewegt sich keiner der Insassen! „Aha, die fahren weiter“, denke ich jedes Mal, verlagere mein Gewicht nach vorne und will in den Fahrstuhl steigen – als ein Ruck durch die Gruppe geht. Die wollen also doch aussteigen! Plötzlich stehe ich im Weg, Aug’ in Aug’ mit
dem ungekürten Anführer der Aufzugfahrer. Ich bringe gerade noch ein leises „Sorry“ heraus und verhindere nur durch ein blitzschnelles Ausweichmanöver in letzter Sekunde eine Kollision.
Warum dieses immer gleiche Theater? Weil Aussteigen in Japan nicht so einfach ist, wie man denken könnte. Man muss die Hierarchie der Mitfahrer analysieren, sich selbst richtig in die Rangordnung einteilen, darf sich auf keinen Fall vor Ranghöheren aus dem Lift bewegen. Zu gern würde ich die inneren Monologe der Japaner hören: „Der trägt so
eine schicke Uhr, die war sicher teuer. Bestimmt ist er Abteilungsleiter. Ein Wichtiger! Den bitte ich mal lieber vor mir hinaus.” Arbeitskollegen streiten
sich fast darum, wer den Chef hinauskomplimentieren darf.
„Dozo, dozo, Chef, bitte gehen Sie vor!”, sagen sie, verbeugen sich dabei ohne Unterlass und weisen, ebenfalls ohne Unterlass, mit der Hand aufs Tor zur Freiheit.
Sonja Blaschke, in DIE WELT,
26.07.2014

 

 

 

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