Well Team Times (198)

Trainingsteam als soziales System - Ein Gastbeitrag von Armin Poggendorf

Das Trainingsteam, mit dem es der Teamdynamiker zu tun hat, ist ein kreatives soziales System, das meist nur für ei­nen Workshop in der gleichen Zusammensetzung existiert. Obwohl im Training auch in­tensiv gearbeitet wird, ist das Trainingsteam kein Arbeits­team, wie wir es in den Orga­nisationen antreffen und wie es mit am besten drei bis acht Mitgliedern effektiv und pro­duktiv arbeitet.

In einem Trainingsteam von ca. zwölf Leuten geht es um einen Kreativprozess, der in einem geschützten Rahmen spontan abläuft und gleichzei­tig reflektiert wird. Der Trai­ner hat die Aufgabe, das krea­tive Feuerwerk zu entfachen, gegebenenfalls zu drosseln. Ziel dieses Systems, das heißt gemeinsames Ziel aller Team­mitglieder ist es, eine Atmo­sphäre zu schaffen, in der Selbsterfahrung, Selbster­kenntnis und Selbstdarstellung möglich werden. Für jeden Einzelnen gibt es individuelle Lern-und Entwicklungschan­cen. Der Lernprozess des Sys­tems vollzieht sich im einzel­nen Teammitglied. In diesem Prozess, der da köchelt, sind die „Köche“ gleichzeitig die „Gekochten“.

Ein Team im Entstehen und Vergehen
Ein Trainingsteam, wie wir es in team-dynamischen Work­shops haben, ist ein soziales System im Entstehen und Ver­gehen. Es ist ein temporäres System, kennzeichnend sind ein exemplarischer Teambil­dungsprozess und ein entspre­chender Auflösungsprozess nach dem Ende des Work­shops. Jeder Teilnehmer geht zurück in sein Alltagsleben, in seine angestammten sozialen Systeme.
Noch nie habe ich eine Teil­nehmergruppe ein zweites Mal in der gleichen Zusammenset­zung erlebt. Schon das Hinzu­kommen oder Fortbleiben ei­nes einzigen Teilnehmers ver­ändert das Team grundsätzlich und erfordert ein neues team­dynamisches Ausbalancieren der individuellen Kräfte und Qualitäten, was für den Ein­zelnen freudvoll, leidvoll oder auch anstrengend sein kann.
Was von jedem Trainingsteam bleibt und was dem Ganzen den Sinn gibt, sind die Erfah­rungen und Erkenntnisse, das erworbene Wissen, die sozia­len und emotionalen Kompe­tenzen, die jeder Teilnehmer in sein Lebensumfeld, in die sozialen Systeme seines Le­bens mitnimmt. Bei Work­shops für professionelle Team­dynamiker kommen noch die methodischen und Leitungs­kompetenzen hinzu, die er in einem neu bestückten Werk­zeugkoffer mitnimmt.
Die Außengrenze eines Trai­ningsteam ist leicht definiert. Derjenige gehört dazu, der in der Grundform des team-dyna­mischen Kreises in diesem Stuhlkreis sitzt. Denn sich dort hineinzusetzen und dort auch sitzen zu bleiben bedeutet: Ich gehöre dazu, ich mache mit, ich bringe mich ein und gebe mein Verständnis. – Wenn ich nicht mehr dazugehören will, sage ich Bescheid und verab­schiede mich. Und wenn der Workshop zu Ende ist, nimmt mich mein „wirkliches“ Leben wieder auf.

Jedes Trainingsteam ist anders
Trainingsteams können sehr unterschiedlich strukturiert sein. Etwa vom festgefügten Firmenteam, das seine Kom­munikation, Koordination und Kohäsion noch verbessern möchte, über das studentische Projektteam, das sporadisch schon freundschaftliche Be­ziehungen aufgebaut hat, bis zum zufällig zusammengewür­felten Team, dessen Mitglieder aus aller Herren Länder zu­sammenkommen.

Jedes Team hat seinen Charakter

Teams können in ihrem Cha­rakter stark voneinander ab­weichen. Die Unterschiede liegen etwa in folgenden Kri­terien, auf die es für den Teamdynamiker bei seiner Moderation und Intervention sehr ankommt:

Die Teilnehmer stammen aus ein und demselben sozialen System oder sie kommen aus verschiede­nen Systemen

  • Sie sind im soziologischen Sinne homogen oder hete­rogen zusammengesetzt
  • Sie sind ebenbürtige Kollegen oder kommen aus verschiedenen Hierar­chiestufen
  • Sie kennen sich schon oder begegnen sich im Trainingsteam zum ersten Mal
  • Sie haben alle gleich viel Erfahrungen mit den team­dynamischen Methoden oder sie befinden sich auf verschiedenen Stufen
  • Sie haben schon Bezie­hungen aufgenommen oder müssen ihre Austausch­potenziale erst entdecken
  • Die Beziehungen sind
    ⇒angstbesetzt („Ich darf mir keine Blöße geben“ oder „Keiner darf sein Gesicht verlieren“)
    ⇒vertrauensvoll („Ihr dürft ruhig sehen, wie wütend ich bin“ oder „Wenn du weinen musst, reichen wir dir ein Taschentuch“)

Im wesentlichen gibt es zwei Richtungen: das geschlossene und das offene Trainingsteam.

Das Trainingsteam spiegelt die Familie
Die Familie wirkt als soziales Ursystem. Wir übertragen un­sere Erfahrungen aus der Her­kunftsfamilie meist unbewusst auf andere Systeme, die aber ihrerseits eigenen strukturellen Grundkonzepten folgen. So re­inszeniert ein Trainingsteam in gewisser Weise das Familien­system des Teilnehmers. Schwierigkeiten, die im Fami­lienleben bestehen, werden dann unbewusst auch ins Trai­ning hineingetragen und kom­men dort zum Ausdruck. Wer sich zum Beispiel nicht gut mit seinem Vater versteht, wird eher mit dem Trainer zu­sammenstoßen als jemand, der Zank mit seiner kleinen Schwester hat. Dieser wird vielleicht eher Schwierigkeiten mit einer jüngeren Teilnehme­rin bekommen.
So können Teilnehmer Projek­tionsfläche für Gefühle sein, die in der Familie nicht ausge­lebt wurden. Dieser Zusam­menhang ist weder positiv noch negativ zu bewerten. Oft äußern Teilnehmer, dass sie sich „wie in einer Familie“ fühlen. Es können sowohl Zwist als auch Zusammenge­hörigkeitsgefühle aufkommen. Im Endeffekt aber ist ein Trai­ningsteam keine Familie, und es ersetzt diese auch nicht. Denn es gibt einen grundsätz­lichen, niemals aufzulösenden Unterschied:
Es gibt nur eine Familie, in die man hineingeboren wird und zu der man gehört. Aber das Team wechselt im Laufe des Lebens viele Male. Und ein Team, in dem man Mit­glied ist, kann man jederzeit wieder verlassen.

Trainingsteam greift Arbeitsbeziehungen auf
Kommen ganze Arbeitsteams oder Teile davon zu einem team-dynamischen Training, so werden die Mitarbeiter für die Zeit des Trainings zu einem Trainingsteam. Dabei geben sie ihr Wesen, ihren Charakter und ihre Probleme natürlich nicht an der Garderobe ab.
Das Arbeitsbeziehungssystem wird ins Trainingsteam hin­eingetragen. Und im Training kann man gut die Schwierig­keiten, die in den Arbeitsbe­ziehungen liegen, aufgreifen, bearbeiten und die soziale Struktur vorsichtig weiterent­wickeln. Doch man darf die Ansprüche nicht zu hoch schrauben. Bei Firmentrai­nings wird deutlich: Die sozia­len Beziehungen sind schon festgezurrt, die Rollen und Funktionen sind schon fixiert und können sich in diesem Rahmen nicht so plötzlich ver­ändern.
Auch in einem offenen Trai­ning bringen die Teilnehmer ihre Arbeitsprobleme mit. Aber hier können sie sich frei­er fühlen, ihre Gefühle, Unsi­cherheiten und Wertungen mit weniger Hemmungen preisge­ben, denn das Trainingsteam wird sich wieder auflösen. Je­der Teilnehmer geht mit neuen Impulsen in sein Arbeitssys­tem zurück, ohne sich dort ei­ne Blöße gegeben zu haben.

 

 

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