Well Team Times (199)

Mitwirkende in der systemischen Inszenierung - Ein Gastbeitrag von Dr. Armin Poggendorf

Die Systemische Insze­nierung findet in team­dynamischen Workshops als Gruppenprozess statt. Sie greift zurück auf Ele­mente bekannter szeni­scher Methoden wie Sys­temische Aufstellung, Selbstdarstellung, Rollen­spiel, Psychodrama, Sozi­odrama, Gestaltpädago­gik, Spontantheater, Be­triebstheater etc. Das gemeinsa­me Prinzip dieser Methoden ist, dass jeweils ein persönliches oder soziales System in Szene gesetzt wird, um es zu veranschaulichen bzw. um anschaulich an ihm zu arbeiten. Das kann gerade dann nützlich sein, wenn die Teilneh­mer Anliegen einbringen, die nicht direkt mit den anwesenden Teammitgliedern, sondern mit ih­rem sozialen Herkunfts-, Gegen­warts-oder Arbeitssystem zu tun haben.

Soziale Systeme in Szene gesetzt
Für die Arbeit des Teamdyna­mikers gehören die szenischen Methoden als Kanon zusammen und stehen zur Wahl, auch in spontaner Kombination. Der Teamdynamiker unterscheidet in dem Moment, wo er eine Szene aufbaut, anleitet, arrangiert oder dirigiert, nicht nach der Methode. Er mixt und wechselt, je nach­dem, was das Anliegen des be­treffenden Teilnehmers erfordert.
Bei einer Systemischen Inszenie­rung wirken generell mit: der Protagonist, der Regisseur, die Repräsentanten und die teilneh­menden Beobachter.

Der Protagonist, der ein Anliegen hat
In jeder Systemischen Inszenie­rung gibt es eine zentrale Person, die im Fokus der Aufmerksam­keit steht, das ist der Protagonist. Dieser bringt ein bestimmtes und meistens persönliches Anliegen vor, welches von der Gruppe aufgenommen und widergespie­gelt wird. Ein individuelles An­liegen auszusprechen fordert vom Protagonisten Offenheit, Mut und Vertrauen in die Gruppe. Dafür bekommt er die Unterstützung des Regisseurs sowie die kon­zentrierte Aufmerksamkeit der Gruppe, die sich ihm zur Verfü­gung stellt, bis die Szenenfolge abgeschlossen ist. Wie kristalli­siert sich nun der Protagonist heraus? Wer kommt jetzt dran? – Die optimale Person ist diejenige, die bereits emotional im Prozess steckt und entsprechende Anzei­chen von sich gibt, beispielswei­se sichtlich bewegt, aufgeregt ist oder gar weint. Sie braucht dann nur noch eingeladen zu werden, nun ihr Anliegen auszusprechen, in ihren Lern-oder Lösungspro­zess einzusteigen und für die Gruppe im weiteren Verlauf zur Fokusperson zu werden.

Der Regisseur, der die Inszenierung leitet
Der Trainer ist hier ein Regisseur, Inszenator, Aufsteller, Rollenspiellei­ter, je nachdem, wie er methodisch arbeitet und wie er sich darstellt. Er trägt eine besondere Verantwortung: Er ist für den Rahmen zuständig und leitet die Inszenierung ein, leitet sie an und schließt sie ab. Er dirigiert das szenische Ge­schehen und ist dafür zuständig, dass es einen möglichst erhellen­den Ausgang nimmt.
Er verdeutlicht die Dynamik des abgebildeten Systems und damit auch, wie es wahrgenommen wird. Der szenische Ablauf wird insbesondere durch die Erfahrung und die spontane Eingebung des Regisseurs gelenkt. Dieser ist emotional total präsent, in der Gruppe und in der Szene. Er ist ein Wächter, der den szenischen Verlauf aufmerksam beobachtet, in Bahnen leiten, unterbrechen und abbrechen kann. Dabei ver­traut er darauf, dass jedes soziale System von selbst in ein Gleich­gewicht strebt.
Bei der Systemischen Inszenie­rung ist wichtig, dass der Regis­seur nicht seine persönlichen Vorstellungen durchsetzt, son­dern dass die dem System inne­wohnenden Kräfte zum Ausdruck kommen und die verborgenen Tendenzen sichtbar werden. Der Regisseur erhält Informationen und Hinweise unmittelbar aus der Szene und aus den Reaktionen der Teilnehmer. Er schöpft seine Ideen aus dem, was sich zeigt.

Die Repräsentanten (Darsteller, Stellvertreter)
Die Repräsentanten stehen stell­vertretend für Systemelemente oder spielen die Rollen der Per­sonen, die unmittelbar mit dem Protagonisten und dem von ihm vorgebrachten Anliegen zu tun haben. Meist wählt der Protago­nist die Repräsentanten aus, wel­che bestimmte Rollen überneh­men sollen. Auch hierfür ist Ver­trauen notwendig. Für viele Gruppenmitglieder ist es eine Eh­re, als Stellvertreter mitwirken zu dürfen. Aktiv beteiligt zu sein ist mehr als zu beobachten.
Die Gefühle in den repräsentier­ten Rollen können zum Teil recht deftig oder heftig ausfallen. Die Rollen können bei den Repräsen­tanten etwa Wut, Schwäche, Traurigkeit, Gefühle der Liebe oder Sehnsucht auslösen. Die Rollen können noch stundenlang nachwirken, in einzelnen Fällen sogar tagelang mitschweben, ehe sich die Eindrücke verlieren. Am Schluss der Szenenfolge ist es deshalb wichtig, die Repräsentan­ten zu „entrollen“, das heißt, sie aus ihrer Rolle zu entlassen. Am besten geschieht dies, indem der Protagonist auf sie zugeht, sie be­rührt und zum Beispiel sagt: „Ich danke dir, dass du mein Onkel warst, du bist jetzt wieder der Sebastian.“ Oder: „Danke, dass du meine kleine Schwester ver­treten hast, aber ich weiß, wir sind in einem Workshop und du bist die Franziska.“

Die teilnehmenden Beobachter (Zeugen)
Die Gruppe ist die Basis für Sys­temische Inszenierungen. Mit der Gruppe, durch sie und aus ihr heraus erwachsen die Szenen und Prozesse.
Alle Gruppenmitglieder, die nicht in den Szenen eingesetzt sind, fungieren als Beobachter des Ge­schehens. Sie sind nicht unmit­telbar an der Inszenierung betei­ligt, sondern bleiben im Kreis sit­zen und bilden den sozialen Rahmen. Sie sind Zeugen. Sie nehmen Plätze ein, auf denen sie den Ablauf gut verfolgen können. Sie wissen, dass es jetzt nicht um ihre eigenen Themen geht, son­dern um das Anliegen des Prota­gonisten. Sie treten damit als Ge­stalter zurück, verzichten auf Dominanz und bewähren sich mit ihrer ganzen Empathie. Jederzeit können sie berufen werden, eine Stellvertretung zu übernehmen und in der Szene mitzuwirken. Diese Präsenz und Zeugenschaft ist ein wesentlicher Faktor der Inszenierung im team-dynami­schen Kreis. Das Leid, das Schwere, das, was durchgestan­den wurde, wird durch die An­teilnahme der Zeugen besonders gewürdigt. Dadurch wird die sich neu ergebende Perspektive auf stärkende Weise im Inneren des Protagonisten verankert.
Systemische Aufstellungen und Inszenierungen, wie sie in Semi­naren und team-dynamischen Workshops durchgeführt werden, sind ein Gemeinschaftswerk. Die anwesende Gruppe hat eine große Bedeutung für den Wachstums-und Erkenntnisprozess, durch den der Einzelne geht. Die Anwesen­den sind nicht einfach nur Zu­schauer, sondern sie erleben und fühlen mit, nehmen Anteil in un­terschiedlicher Intensität und werden zu einem lebendigen Re­sonanzkörper. Als Zeugen beur­teilen sie nicht, sondern sie be­zeugen nur, was die Person, die im Fokus steht, bewegt, was sie sagt, wie sie sich dabei ausdrückt und verhält. Sie reagieren nicht, sie mischen sich nicht ein.
Manchmal beobachten die Zeu­gen nicht nur aus der Distanz, sondern lassen sich in den Bann ziehen und identifizieren sich mit einer Person aus der Szene: mit dem Protagonisten, mit einem Stellvertreter oder auch mit je­mandem, der genannt wurde, aber nicht in die Szene gestellt wurde, der also das System ver­vollständigt hätte. Da solche Teilnehmer nur Zeugen waren und als Beobachter brav im Kreis sitzen geblieben sind, werden sie aus ihrer Identifikation nicht wie üblich erlöst. Aber diese Teil­nehmer haben auch ein Recht auf Befreiung aus der Rolle, sie müs­sen auch „entrollt“ werden. Da­rum ist es gut, wenn der Regis­seur im Nachgang, wenn alle wieder im Kreis sitzen, noch einmal fragt, ob bei allen alles OK ist oder ob da noch etwas rumort, was vielleicht noch los­gelassen werden will. Das kann eine Frage sein, eine Emotion oder eben eine Identifikation, die noch aufgelöst werden will. Jetzt kann sich der Betreffende mel­den, etwa mit dem Wunsch: „Ich bin noch irgendwie ein Kriegs­kamerad – der Bruder – die Großmutter – und ich möchte auch noch entrollt werden.“ Da­rauf sollte der Regisseur dann auch eingehen.

Wenn wir ein Anliegen einbringen …
In Workshops und Aufstellungen bestätigt sich immer wieder, dass in der Gegenwart von Zeugen, in einer wohlwollenden, mitfühlen­den Teilöffentlichkeit, die eige­nen Erfahrungen realer und kon­kreter werden – im Vergleich zu dem, was wir im stillen Kämmer­lein gedanklich erleben. Die Zeugen verstärken und verdeutli­chen die Wirklichkeit unserer Wahrnehmung.
Wir können feststellen, dass die Zeugen mitreisen. Wenn wir wieder allein sind und dazu nei­gen, in alte Denkmuster zu ver­fallen, dann melden sich in unse­rem Innern die damaligen Zeugen und erinnern an die gewonnenen Einsichten und Erkenntnisse. Die anwesende Gruppe vertritt in ge­wissem Sinne unsere gesamte Mitwelt. Wir fühlen uns nicht nur mit den anwesenden Zeugen ver­bunden, sondern mit allen Men­schen, die uns verstehen, weil sie auch Menschen sind und ähnli­ches kennen. (Vgl. Mahr 2016, 287 f.)

 

 

Format Gastbeiträge
Themen
Diesen Beitrag teilen auf Diesen Beitrag teilen: Leserbrief schreiben