Well Team Times (202)

Rangordnung im Team - Ein Gastbeitrag von Armin Poggendorf

Rangordnung im Team

In Teams und produktiven so­zialen Systemen gibt es im wesentlichen neun Ordnungen, die sich überlagern und zu­sammenwirken. Dabei ist je­des Ordnungskriterium für sich gar kein Problem. Prob­leme entstehen erst dadurch, dass es mehrere Ordnungen gibt, die Gültigkeit beanspru­chen. Rangelei und Status­kämpfe entstehen immer dann, wenn für jemanden die Ord­nung nach dem einen Kriteri­um einen Vorrang bedeutet, die Ordnung nach dem ande­ren Kriterium aber einen Nachrang.

1) Hierarchische Ordnung
Sie wirkt gemäß der Hierar­chie der Aufgabenbereiche, für die die Einzelnen eingeteilt und verantwortlich sind. Wer arbeitet in wessen Bereich? Der Leiter des größeren, über­geordneten Bereichs rangiert in der Position vor dem Leiter des kleineren, untergeordneten Bereichs. Die leitende Arbeit rangiert vor der ausführenden Arbeit.

2) Ordnung gemäß dem Dienstalter (Anciennität)
Sie gibt unter Teammitgliedern demjenigen einen Vorrang, der schon länger Mitglied des Teams ist. Die früheren haben den späteren Teammitgliedern den Platz geschaffen, den Ein­stieg und die Mitgliedschaft ermöglicht. Dies gehört gewür­digt und kommt in der Rang­folge zum Ausdruck.

3) Ordnung gemäß dem Lebensalter
Die Älteren haben Vorrang vor den Jüngeren, denn die Älteren haben es den Jüngeren ermöglicht, zu wachsen und aufzuwachsen. „Alter geht vor Schönheit“, heißt es. Wissen und Erfahrung entstehen mit der Zeit und häufen sich mit dem Älterwerden. Die Jünge­ren haben die Kultur und Struktur von den Älteren übernommen.

4) Ordnung gemäß der Kompetenz
Sie gibt bei der sachlichen und fachlichen Arbeit demjenigen das größere Gewicht, der je­weils die größere Kompetenz hat. Diese Ordnung wirkt da­rauf hin, dass jeder entspre­chend seinen Fähigkeiten mit­gestalten kann. Auch der Chef dient einem Mitarbeiter, der eine spezielle Kompetenz hat, und arbeitet ihm in der Sache zu, selbst wenn er in der Ver­antwortungshierarchie einen höheren Rang einnimmt.

5) Ordnung gemäß dem Einsatz
Wer sich mehr einbringt, wer mehr beiträgt, mehr Zeit, mehr Energie, mehr Wissen, mehr Können oder mehr Kreativität einsetzt, hat Vorrang vor dem, der weniger investiert. Einsatz muss sich für jeden lohnen und sich auch im Rang wider­spiegeln – ein ganz natürlicher Mechanismus, ohne den jedes Team ausbluten würde.

6) Ordnung gemäß der Leistung
In kreativen und produktiven Systemen kommt es auf die Leistung des Einzelnen an. Nicht bloß wie jemand sich eingesetzt hat, sondern was letzten Endes dabei herausge­kommen ist, ist entscheidend. Leistungsstärkere Kollegen sehen die leistungsschwäche­ren als Trittbrettfahrer. Diese haben es schwerer, sich durch­zusetzen, und sie können ihre Ideen nur bedingt einbringen.

7) Ordnung gemäß dem Eigentum
Wer für ein Unternehmen oder eine Organisation das Eigen­tum – zum Beispiel Kapital – zur Verfügung stellt, hat daran das umfassendste und absolute dingliche Verfügungsrecht. Weil er mit seinem Eigentum nach Belieben verfahren und im Prinzip andere von jeder Einwirkung ausschließen kann, verschafft ihm dieses Recht einen besonderen Rang. Er kann sogar den Experten auf den Platz verweisen.

8) Ordnung gemäß familiärer Herkunft
Oft verleiht eine gewisse fami­liäre Herkunft oder eine Zuge­hörigkeit zu einem Stamm oder einer Kaste inoffiziell einen höheren Rang. Dies geschieht zum Beispiel, wenn Nach­kommen im Familienbetrieb mit anderen Angestellten in einer vergleichbaren Stellung arbeiten („Sohn des Chefs“).

9) Ordnung gemäß ethnischer Zugehörigkeit
Zugehörigkeit zum großen heimischen System (Land, Kul­tur, Sprache, Religion) birgt eine Verbundenheit, die dem Dazugehörigen beim Kampf um den Rang von vornherein einen Vorteil einräumt. Wer das gewohnte landläufige Verhalten zeigt, etwa die glei­che Ess-und Trinkkultur hochhält oder die religiösen Werte teilt, ist berechenbarer und fähiger, sich anzuschlie­ßen. Wer als Deutscher in ei­nem deutschen Team arbeitet, wird es in der Regel leichter haben aufzusteigen, als ein Ausländer mit den gleichen beruflichen Fähigkeiten und Voraussetzungen. Entspre­chendes gilt in einem bayri­schen Betrieb für einen Bayern gegenüber einem Norddeut­schen. Der Alteingesessene be­kommt oft Vorrang vor dem Zugereisten – unabhängig da­von, wie gerecht man das empfindet und wie „politisch korrekt“ das ist.

Ein gutes Arbeitsklima
entsteht im System, wenn jedes Teammitglied alle diese Rang­folgen im Bewusstsein hat und anerkennt.
Ein sehr häufig vorkommen­der Fall: Von zwei Teammit­gliedern hat der eine den höhe­ren Dienstgrad (also mehr Verantwortung), der andere das höhere Dienstalter (mehr Erfahrungen). Meinungsver­schiedenheiten können die beiden besser ausgleichen, wenn sie die Potenziale des anderen anerkennen und bei­den Rangordnungen Respekt erweisen. Sonst ist der eine be­leidigt, weil er in der verant­wortlichen Position keinen Respekt bekommt, und der andere eingeschnappt, weil seine Erfahrungen keine Wert­schätzung erhalten. Im über­tragenen Sinne müssten sich beide voreinander verbeugen, um dann in gegenseitiger Ach­tung zu kooperieren. Jede Ord­nung verlangt Beachtung – und der Vorgeordnete die ent­sprechende Achtung.

Ein anderer Fall: Das eine Mitglied ist älter, das andere in einer bestimmten Hinsicht kompetenter. In patriarcha­lisch geprägten Ländern, be­kommt der Ältere unangefoch­ten Vorrang, auch bei Planun­gen und Entscheidungen. Aber damit kann das innovative Po­tenzial des Jüngeren – aber Kompetenteren – nicht zum Tragen kommen. So wäre es das Beste, wenn der Jüngere durch sein Verhalten dem Älte­ren die Ehre gibt, der Ältere sich aber bewusst ist, dass die Kompetenz des Jüngeren beim Anpacken der Sache Vorrang bekommt.
Wichtig ist auch, dass jedes Teammitglied den Unterschied zwischen Kompetenz, Einsatz und Leistung kennt. Kompe­tenzen vorzuweisen heißt noch nicht, sich auch einzusetzen. Wer sich einsetzt, produziert nicht automatisch einen Leis­tungserfolg, er muss sich auch noch geschickt anstellen. Und er braucht die adäquaten Ar­beitsbedingungen, die ihm die Führung einräumen muss. Im kreativen und produktiven Pro­zess sollte eindeutig derjenige Vorrang bekommen, der auf­grund seiner Kompetenz und seines Einsatzes eine gute Lei­stung bringt. Kompetenz muss anerkannt werden, Einsatz muss gewürdigt werden, Leis­tung muss belohnt werden.
In der Angewandten Teamdy­namik lernen die Teilnehmer die Rangfolgen kennen und sie lernen, sie anzuerkennen. Ein team-dynamisches Training schult das Bewusstsein für die relevanten Kriterien.

Wie zählen Auszeiten beim Dienstalter?
Eine Unklarheit taucht bei Aufstel­lungen des Dienstalters hin und wie­der auf: Wie zählt man die Dienst­jahre, wenn der Kollege oder die Kollegin zwischendurch eine Aus­zeit hatte, zum Beispiel ein Sabbat­jahr, ein Auslandsjahr, eine Baby­pause oder ein Aufbaustudium? Zählt man alle Jahre der Zugehörig­keit oder fängt man, wenn man wie­derkommt, bei null wieder an?
Man fängt tatsächlich bei null wie­der an, denn in den ersten Tagen nach dem Wiedereintritt in die Or­ganisation ist man noch nicht in der Routine, hat noch nicht die aktuellen Informationen, ist noch nicht mit al­len Leuten vertraut, denn es sind auch neue dabei. Es gibt neue Fakten und neue Abläufe in den Produkti­onsprozessen. Man muss die Bezie­hungen wieder neu aufbauen, man muss sein Wissen auffrischen und die aktuelle Geschäftslage erfassen. Von daher ist man vergleichbar mit einem Neuling. Allerdings holt man ganz schnell auf, denn die alten Fä­higkeiten, Fertigkeiten und Arbeits­beziehungen werden schnell wieder­belebt. Einem wirklichen Neuling ist man dann bald wieder voraus, und man rückt auf. Es gibt im Grunde zwei Standplätze in der Rangskala, die in Frage kom­men: das Dienstalter nach Wieder­eintritt und das Dienstalter nach der Summe der Dienstzeiten. Der betref­fende Kollege stellt sich auf die bei­den Plätze und spürt einmal, wo er sich wohler fühlt. Die Gruppe geht mit dem Gefühl meist in Resonanz und gewährt den Platz, oder sie gibt dem Kollegen Bescheid, wo er hin­gehört. Der Befragte muss sich nur im klaren sein, dass er auf beiden Plätzen eine verschiedene Rolle spielt. Am besten, er beherrscht den schnellen Standwechsel zwischen einem erfahrenen Kollegen und Kol­legen mit Nachholbedarf.

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