Well Team Times (203)

Kodex für team-dynamische Workshops - Ein Gastbeitrag von Armin Poggendorf

Sobald das Trainingsteam vollständig im Kreis zusam­mensitzt, sollte der Trainer – noch bevor er mit der ersten Übung beginnt – den Teil­nehmern etwas zum Verhal­ten erklären. Zwar kann er später im Verlauf der Übun­gen und Prozesse immer noch etwas erläutern, aber es ist gut, wenn er zum Ver­ständnis der aufkommenden Dynamik ein paar wichtige Hinweise vorausschickt:
Es zählt jetzt hier die aktu­elle Sozialstruktur, nicht der sonstige Rang in Beruf und Gesellschaft. Darum ist ge­rade für Menschen, die im Leben schon ihren Mann oder ihre Frau gestanden haben, die aktuelle Dyna­mik im Team eine besonde­re Herausforderung. Etwa könnten Manager oder High Performer davon irritiert sein, dass sie in der Sozial­struktur von hinten anfan­gen müssen, weil schon an­dere Leute auf den vorderen Plätzen sitzen. Alter und Er­rungenschaften wie Titel, Abschlüsse, Kompetenzen etc. zählen nicht im aktuel­len Trainingsteam. Es zählt nur der Austausch, der sich jetzt hier entfaltet. Der Workshop schafft ein exem­plarisches Teamgefüge, das in seiner Dynamik erlebt und zugleich betrachtet wer­den soll.
Weitere wichtige Punkte bil­den einen Kodex:

  • Die Workshops sind: spielerisch, künst­lerisch und integrativ. Es herrscht kein Wettbewerb!
  • Die Übungen sind auf Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis ausgerichtet
  • Ernst und Spaß sind nicht zu trennen, gehen ineinander über
  • Pünktlichkeit und Vollständigkeit zu den Übungen sind Voraussetzung
  • Jeder ist für sich selbst verantwortlich, nicht für andere. Jeder spricht für sich selbst
  • Jeder hat das Recht, eine Zeitlang im Mittelpunkt, im Fokus der Aufmerksamkeit zu stehen
  • In der Mitte ist alles erlaubt, auch Aggressi­vität, aber nur im Ausdruck, nicht tätlich!
  • Jeder nimmt an jeder Übung freiwillig teil, man darf auch mal eine auslassen
  • Wer den Raum verlassen möchte, möge dem Trainer vorher einen Wink geben
  • Wir gehen achtsam miteinander um, dürfen einander auch ein kritisches Feedback geben
  • Jeder spielt die Rolle, die er will. Die Grup­pe wünscht sich meist vom Einzelnen kein Wohlverhalten, sondern Wahrhaftigkeit. Wir wollen einander aber nicht verletzen!
  • Vertraulichkeit: Was jemand spricht oder von sich zeigt, bleibt unter uns und wird nicht nach außen getragen.

Sich selbst erfahren, sich selbst erkennen
Die Trainer verfolgen stets das Ziel, im Training eine vertrau­ensvolle, verständnisvolle und wohltuende Atmosphäre auf­zubauen. Aus Vorsicht weisen sie aber darauf hin, dass der Workshop von einzelnen Teil­nehmern hin und wieder auch als „hart“ oder „gewöhnungs­bedürftig“ empfunden werden kann.

Etwa nach der Hälfte des Workshops hatte ich mich darauf eingelassen. Davor habe ich beobachtet, hin­terfragt, abgelehnt und mich gefragt, was ich dort überhaupt soll. Der Wen­depunkt war für mich si­cherlich die Strukturauf­stellung nach dem Kriteri­um Authentizität. Danach war ich voll dabei. Achim Diesel, Studienrat

Der Aspekt Selbsterfahrung wird von Teilnehmern bei der Anmeldung zu einem team­dynamischen Workshop oft unterschätzt. Eine „Härte“ kann zum Beispiel darin beste­hen, dass jeder selbst für sich verantwortlich bleibt, nicht nur für das, was er tut und denkt, sondern auch für das, was er fühlt. Denn es ist niemand da, den er für die eigenen Gefühle verantwortlich machen kann – zum Beispiel für die Gefühle, die auftreten, wenn sich ande­re ihrerseits mit ihren Gefüh­len zeigen. Es können also auch Gefühle geweckt werden, die ein Teilnehmer tief ver­staut hat und so gar nicht ge­brauchen kann. Jetzt erfährt er jäh, was in ihm selbst noch al­les gärt oder lange vergessen ist. Das ist „Selbsterfahrung“ und die ist nicht immer durch­gehend angenehm. Vermeidet man aber auf Dauer bestimmte unerwünschte Gefühle, dann verzichtet man auf einen Teil seiner Lebenskräfte. Das Beste ist, aus „schlechten Gefühlen“ etwas Gutes zu machen, indem man die Gefühle bewusst durchlebt und dann „umpolt“: Man nutzt ihren Aufforde­rungscharakter und ihre Kraft für kreatives, soziales Han­deln. Damit kann man im Workshop schon beginnen – spielerisch und als Experi­ment.

Gerade in den Emotionen der Teilnehmer, liegt der Antrieb für ihre persönliche Entwick­lung. Die Emotionen liefern die Energie für die Prozesse. Von diesem Motor darf sich ein team-dynamisches Trai­ning nicht abkoppeln. Darum werden Gefühle auch nicht ta­buisiert, wobei der ausgebilde­te Teamdynamiker sorgfältig darauf achtet, dass bei Re-Inszenierungen keine Re-Traumatisierungen passieren.
Die Trainer dürfen nicht ver­sprechen, dass die wahren Momente für jeden Teilnehmer durchgehend nur freudige Mo­mente sind. Das team-dyna­mische Training setzt am per­sönlichen Potenzial an, und nicht an der Fassade. Lang­fristiges Wachstum und Wohl­ergehen sind wichtiger als ein kurzfristiges Oben-auf-Bleiben. Letzten Endes gehen Workshops gut aus – Nachbe­reitung und Nachbesinnung gehören aber dazu. Für den Teilnehmer bleibt das Risiko, sich zwischenzeitlich einmal nicht so gut zu fühlen, wenn er sich plötzlich an Verlorenes, Verdrängtes, und Verhasstes erinnert.
Bei einem team-dynamischen Training wird nicht psycholo­gisiert. Niemand braucht über seine persönlichen und inti­men Gefühle zu sprechen. Wenn jemand seine Gefühle allerdings offen zeigt, so sollte er nicht gebremst, sondern un­terstützt werden. Denn nur ein Gefühl, das zugelassen wird, kann sich wandeln und in so­ziale Tatkraft verwandeln. Es geht aber grundsätzlich nicht um die persönliche Vergan­genheit des Einzelnen, und es spielt keine Rolle, warum je­mand so oder so geworden ist. So wie er ist, kann jeder seine sozialen und kooperativen Kompetenzen verbessern. Es geht darum, im Leben fortzu­schreiten.
Genaugenommen verdichtet sich im Workshop die Lebenserfah­rung. Denn das Training voll­zieht sich als intensives Soziales Event.

  • Sich selbst erkennen heißt, sich selbst im Spiegel der anderen zu sehen (wir sind uns ähnlich).
  • Sich selbst erfahren heißt, sich in der Begegnung mit den anderen zu erfahren (wir ergänzen einander).

Aus dieser Sozialerfahrung bil­det sich das Selbst. Sozialerfah­rungist also Selbsterfahrung. Wie man es auch benennt, durch die Erfahrung können sich Selbst­bild und Fremdbild angleichen.

 

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