Well Team Times (204)

Haltung in der Mitte des Kreises - Ein Gastbeitrag von Armin Poggendorf

Well Team Times (204)

In der Mitte wird man von allen Seiten gesehen. Die ganze Ge­stalt und die Haltung werden sichtbar. Macht man Verrenkun­gen oder ist die Haltung nicht aufrecht, dann wird dies von den im Kreis sitzenden Personen wahrgenommen und kann als Unaufrichtigkeit gedeutet wer­den. Das Statement (lat. status = Stand) in der Mitte ist deshalb so etwas wie eine Prüfung der Aufrichtigkeit durch das Team.

Man soll für seine Sache „gera­de stehen“, sonst wird sie keine Zustimmung bekommen. Im Team soll man Rückgrat („ei­nen geraden Rücken“) zeigen und sich nicht für etwas „krumm machen“.
Es ist nicht möglich, hinter dem Rücken die Finger zu kreuzen, die Hände in die Taschen zu stecken oder sonst etwas mit den Händen zu tun, ohne dass es jemand mitbekommt, da man von allen Seiten gesehen wird. Zugegeben, die Tatsache, dass die Hälfte der im Kreis Sitzen­den einen nur von hinten sieht, kann man als Mangel empfin­den. Aber das ist unerheblich, da man von Kopf bis Fuß und von allen Seiten gesehen wird. Es kommt neben dem Gesicht und dem Blickkontakt sehr da­rauf an, wie man zu seinen Äu­ßerungen „steht“, und damit auf den Stand und die Haltung. Das ist nur von allen Seiten gut wahrnehmbar.

Gefühle in der Mitte
Die Gefühle in der Mitte des team-dynamischen Kreises sind bei den Einzelnen sehr vielfäl­tig, sie sind existenziell – und ambivalent. Es sind gewisser­maßen „gemischte“ Gefühle. Man fühlt sich geschützt und gefährdet zugleich. Gehört man dazu oder hat man eine gute Meinung von der Gruppe, dann wird man den Kreis ringsherum eher als schützend empfinden. Gehört man nicht dazu oder hegt Ressentiments, wird man den Kreis eher als Bedrohung erleben.
Das macht die ordnende Wir­kung aus: Es entscheidet sich in der Mitte, ob man emotional dazugehört oder nicht. Wenn man fühlt, dass man nicht dazu­gehört, wird man die Gruppe nach diesem Experiment verlas­sen, wie immer man das auch vor sich selbst oder vor anderen begründet. Meist hat sich schon nach wenigen Eindrücken in der Mitte herausgestellt, wer gern dazugehören möchte. Es gibt aber auch Neulinge, die sich zu­nächst unwohl fühlen, die dies auch ehrlich äußern. Aber sie bleiben trotzdem im Kreis, weil ihnen eine innere Instanz sagt:

„Unwohl“ kann auch
„ungewohnt“ bedeuten.
Ich werde jetzt nicht gleich
aufgeben, denn ich sehe ja,
wie lässig und selbstbewusst
das einige hier machen, und
vielleicht gewöhne ich
mich ja noch dran.

Irgendwann gewinnen auch skeptische und vorsichtige Teil­nehmer Vertrauen und ent­scheiden sich für (temporäre) Zugehörigkeit. Halb dazugehö­ren kann man nicht.

Wer geht in die Mitte?
Natürlich soll jeder jederzeit in die Mitte gehen dürfen, wenn es ihn spontan erfasst. Jeder, der ein Anliegen hat, soll es vor­bringen, (besser gesagt:) ein­bringen dürfen. Wenn das Trai­ningsteam gesammelt ist, phy­sisch und mental, dann ist es Zeit, dass der Moderator die Mitte für Statements und indi­viduelle Anliegen freigibt: „Wer möchte die Mitte jetzt nutzten, um seinen Beitrag zu leisten oder auf seinem persön­lichen Weg ein Stück weiterzu­kommen?“ Dabei müssen es nicht immer gleich Probleme mit existenzieller Tragweite sein. Auch kleine Fragen des sozialen Zusammenlebens kom­men in der Mitte zu einer Lö­sung.
Der Moderator ist beständig mit der Frage befasst: Welchen Teilnehmer bitte ich jetzt in die Mitte?

Antwort: Den mit der meisten Energie!
Also den offensten, emotionals­ten, engagiertesten Teilnehmer.
Spontane sprühende Lebens­energie ist am besten genutzt, wenn sie auf möglichst viele überspringt. Die Fontäne eines Springbrunnens sprüht aus der Mitte des Brunnens – und nicht am Rande. Jemand, der vor Witz und vor Begeisterung sprüht, gehört in die Mitte. Je­mand, der sich offen äußert, egal ob vor Freude, vor Wut oder vor Enttäuschung, gehört ebenfalls in den Mittelpunkt, denn dort gibt er ein Beispiel – mit den größten Chancen, dass es nachvollzogen und verstan­den wird. Das Team kann die Energie aufnehmen, ja oft auch „auffangen“.

Resonanz auf Körper und Gesicht
Neurowissenschaftler haben er­forscht, dass das Gehirn eines Beobachters noch stärker auf die Körperhaltung einer Person reagiert als auf ihren Gesichts­ausdruck. Körper und Gesicht verraten die Emotionen, zum Beispiel Zuversicht, Vorsicht oder Angst. Wie stark ein Ge­sichtsausdruck auch die Angst vermitteln mag, laut Neuropsy­chologie beeinflussen die ver­krampfte Körperhaltung und die verstohlenen, ängstlichen Be­wegungen einer Person uns noch stärker. Ein ängstliches Gesicht, aber noch mehr eine an­gespannte Körperhaltung üben Zwang auf uns aus: Helfen oder sich entfernen! Im Alltag nei­gen wir dazu, chronisch ängstli­chen oder ärgerlichen Personen aus dem Weg zu gehen. Men­schen hingegen, deren Körper­haltung Anmut und Akzeptanz ausdrückt, üben eine entspan­nende Wirkung auf uns aus.
Wenn wir in einem Workshop im geschlossenen Kreis sitzen und jemand in der Mitte steht, können Spannungen oder Ge­fühle in uns aufkommen: Wir fühlen uns eher wohl oder eher unwohl, je nachdem, welche Körperhaltung der Teilnehmer in der Mitte einnimmt.
Die neurowissenschaftlichen Untersuchungen zeigen, dass ängstliche Körperhaltungen be­stimmte Bereiche im Gehirn des Beobachters aktivieren. Das sind Bereiche, die beim Anblick glücklicher und neutraler Kör­perhaltungen inaktiv bleiben. Man könnte also sagen, dass wir beim Anblick eines ängstli­chen Körpers unbewusst mit unserem ganzen Körper reagie­ren. Diese Beobachtung bestä­tigt den darwinschen Lehrsatz, dass die menschliche Fähigkeit, Körperhaltungen schnell zu ent­schlüsseln und darauf eindeutig zu reagieren, von großem Vor­teil ist: Wir können dann so han­deln, dass unsere Überlebens­chancen steigen. Um wirkungs­voll zum Einsatz zu kommen, umgeht die Resonanz auf die Körperhaltung den bewussten Verstand.RationaleErwägungen könnten unser Überleben gefähr­den, indem sie uns verwirren und langsamer werden lassen.

Die Spiegelneuronen
Wenn wir bei anderen die Kör­perhaltungen, die motorischen und emotionalen Reaktionen wahrnehmen, werden diese of­fensichtlich bei uns durch eine Art Spiegelmechanismus neuro­nal abgebildet. Das Verhalten der anderen aktiviert bei uns die gleichen neuronalen Strukturen, die für unser eigenes Handeln und unsere eigenen Emotionen verantwortlich sind. Dieser Me­chanismus ermöglicht unserem Gehirn, sofort nachzuvollzie­hen, was wir im Verhalten der andere wahrnehmen. Unbe­wusst gehen wir in Resonanz.
Emotionen sind praktische Ak­tionsprogramme, die an der Lö­sung von Problemen arbeiten, noch bevor diese uns überhaupt bewusst sind. Therapeutische Ansätze, die den Körper igno­rieren und sich hauptsächlich auf das Denken konzentrieren, sind nur begrenzt wirksam. Wenn wir also primär die emo­tionale Körpersprache, speziell die Haltung eines Teilnehmers in der Mitte erleben und dazu noch seine Aussagen und Er­kenntnisse hören, ist das nicht nur wertvoll, sondern geradezu essenziell für die Integration des Einzelnen in die Gruppe. Wir sollten das Reden ersetzen durch die wortlose, eindringli­che Körpersprache des Teil­nehmers. Und die können wir am besten wahrnehmen, wenn der Betreffende in der Mitte agiert. Typische Körperhaltun­gen, die Menschen sich ange­wöhnt haben, sagen uns, was wir zurückverfolgen und auflö­sen sollen. (Vgl. Levine 2011, 66 ff.)
Jemanden, der in der Mitte steht und sich spezifisch verhält und bewegt, den erleben wir in uns. Wir erfassen also intuitiv seinen emotionalen Zustand, seine Ängste und auch seine Zuver­sicht. Wer in der Mitte steht, wird „transparent“. Menschen, die eine Maske tragen und diese auch nicht ablegen wollen, wer­den sich davor fürchten, sich in der Mitte zu präsentieren. Wenn schließlich jeder einmal in der Mitte getanzt hat und alle nach seinen Schritten und Bewegun­gen mitgetanzt haben, kommt die Gruppe in Resonanz. Das heißt, die Teilnehmer hören aufeinander, verstehen einan­der, befürworten einander, und das passiert nicht über den Ver­stand. Der Fokus auf den Men­schen, der in der Mitte steht und sich bewegt, hat in der Gruppe eine maximale integrative Wir­kung. Der team-dynamische Kreis zeigt seine Wirkung nur, wenn man die Mitte für die In­dividuen nutzt.

 

 

 

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