Well Team Times (209)

Die Kunst der Moderation - Ein Gastbeitrag von Armin Poggendorf

Well Team Times (209)

Im team-dynamischen Kreis sitzen 10 bis 15 Teilnehmer. Der Moderator sitzt, genau wie die Teilnehmer, mit im Kreis, wenn auch auf einen bevorzugten Platz mit den besten Sichtverhältnissen. Wie die Teilnehmer reagiert er auf die Interaktion. Das zeichnet einen guten Moderator aus: Sein Wirken gleicht eher einer Reaktion als einer Aktion. Das Prinzip ist: ein Aufnehmen und ein Abgeben von Impulsen. Der Moderator ist ein Impulskanal. Kanalisierung“, nicht „Aktivierung“ ist seine Hauptaufgabe. Wie strukturiert er nun die Moderation, insbesondere bei einer neu zusammengesetzten Gruppe?

1) Alle Anwesenden ansprechen

Begrüßen, willkommen heißen, die Verfassung der einzelnen berücksichtigen (Reisestress, Durst, Müdigkeit?), die angestrebten guten Beziehungen ausdrücken. Fühlen sich alle wohl im Raum und auf ihren Plätzen? Der Moderator darf nicht vergessen sich vorzustellen, falls er nicht bei allen Teilnehmern bekannt ist.

2) Die Ziele klären

Auch wenn bekannt, müssen die Ziele, das Thema oder die Tagesordnung der Veranstaltung noch mal vorgestellt, gegebenenfalls erläutert werden.

3) Die Rollen klären

Wer ist heute Co-Moderator? Wer sind die Teilnehmer? In welcher Funktion nehmen sie teil? Alle Anwesenden sollen persönlich und in ihrer Funktion gewürdigt werden. Gibt es Fraktionen? Wer ist Helfer? Wer ist teilnehmender Beobachter? Wer ist Gast? Ist dieser bei allen willkommen?

4) Den Ablauf vorzeichnen

Pausen schon mal ankündigen. Das Ende der Veranstaltung festlegen. Wer hat wie lange Zeit? Wer muss früher gehen?

5) Anwesende integrieren

Es sollte sich jeder selbst vorstellen, nicht nur mit Namen, sondern auch mit seinen Interessen und den Gründen für sein Dabeisein. Eventuell die Teilnehmer bitten, dazu aufzustehen. Im team-dynamischen Kreis ist es förderlich, dass die Teilnehmer in die Mitte gehen und jeden einmal anschauen.

6) Dann losarbeiten!

Jeder Teilnehmer ist wichtig und wird einbezogen. Der team-dynamische Prozess soll in Gang besetzt und im Rahmen gehalten werden. Übungen, Dialoge, Statements und Inszenierungen sollen zu einem Gesamtkonzept verknüpft und in eine zeitliche Folge gebracht werden. Die individuellen Potenziale sollen zur Geltung kommen. Dabei darf das Team mit seinen Bedürfnissen nicht aus dem Blick geraten. Stürmische Typen werden vorsichtig gebremst, zurückhaltende werden aktiviert, einfühlsam angesprochen und um einen Beitrag gebeten. Dabei bilden die Informationen zusammen mit den Emotionen und der Motivation der Teilnehmer die zu moderierende Substanz.

7) Auf Störungen reagieren

Bei Störungen mit der Arbeit innehalten, bis die Ruhe wieder hergestellt ist. Zu-spät-Kommende werden angemessen begrüßt und integriert,  Früher-gehen-Müssende werden verabschiedet. Keiner soll sich unauffällig „dazuschmuggeln“ oder „davonstehlen“. Pannen, plötzliche Geräusche, Handy-Klingeln, Hustenanfälle, Gewitter etc. nicht ignorieren, sondern humorvoll ansprechen.

8) Die Zeit im Blick behalten

Eine team-dynamische Veranstaltung soll einen festen Rahmen bieten; in diesem soll das
Wesentliche stattfinden. Zeitraubende rhetorische Exkursionen sollen vermieden werden.
Die Teilnehmer wollen sich auf ein pünktliches Ende verlassen.

9) Zum Schluss

Jeder bekommt noch einmal das Wort, um eventuell unerledigte Angelegenheiten anzusprechen, um erfüllte oder noch offene Wünsche mitzuteilen. Einige Teilnehmer nutzen die Gelegenheit auch, um Dank auszusprechen. Dabei geht es team-dynamisch reihum, oder jeder gibt noch ein Abschlussstatement in der Mitte. Ganz zum Schluss allen für ihr Mitmachen danken und gute Worte mit auf den Weg geben.
„… bis zum nächsten Mal.“

Der Teamdynamiker lässt nicht abstimmen

Es gibt Situationen im teamdynamischen Prozess, da weiß der Moderator für einen Moment
nicht genau, wie es jetzt weitergehen soll. Soll er eine Pause ansagen oder nicht? Soll er das Zeitbudget überziehen, weil noch eine wichtige Übung auf der Agenda steht? Soll er auf einen Übungsteil verzichten, weil im Speisesaal schon das Mittagsbuffet wartet? Oder soll er die Übung jetzt durchziehen und damit die Pause verkürzen oder verschieben? Soll er wegen der Regenwahrscheinlichkeit die Outdoor-Übung auf den Folgetag verlegen? Soll nur noch ein Teilnehmer oder sollen zwei mit ihrem Anliegen drankommen? Passt jetzt eine Reflektionsphase oder kommt schon gleich die nächste Inszenierung? Auf jeden Fall möchte er den Bedürfnissen der Gruppe entgegenkommen.

Ein demokratisch gesinnter Moderator könnte auf die Idee kommen, hier einfach mal abstimmen zu lassen. Er kann jetzt eine eindeutige Frage stellen und um Handzeichen bitten: „Wer ist dafür?“ – „Wer ist dagegen …?“ – Er zählt die Stimmen, und das Ergebnis ist eindeutig! Zum Beispiel 8 gegen 6. Das wäre sehr wohl demokratisch und hätte auch Vorteile. Er hätte die Entscheidung an die Gruppe delegiert, an den Souverän. Er kann sich immer darauf berufen: „Ihr habt es so gewollt.“ Der Moderator umgeht damit die Gefahr, dominant und diktatorisch zu erscheinen. Und er muss sich nicht entscheiden, kann also auch nicht falsch entscheiden.

Aber für den team-dynamischen Prozess sind Abstimmungen kontraproduktiv. Es gibt in der Gruppe immer einen Teil, der überstimmt wird und sich unterlegen fühlt. Der überstimmte Teil könnte sauer sein auf die Abstimmungsgewinner. Das könnte die Gruppe spalten: Hier die Mehrheit, die sich durchgesetzt hat, dort die Minderheit, die sich als Verlierer fühlt. Die Politik lässt grüßen. Abgesehen davon, dass der Moderator seine Unsicherheit oder Entschlossenheit zeigt, könnten einige Teilnehmer das Gefühl haben, dass ihnen da etwas vorenthalten wird.

Was kann der Moderator stattdessen tun? – Er entscheidet spontan selbst und macht eine klare Ansage, wie es jetzt laufen soll. Dabei lässt er sich nicht anmerken, dass er kurzzeitig ein Entscheidungsproblem hatte. Er geht damit ein Wagnis ein: Seine Entscheidung kommt gut an oder nicht. Um die „richtige“ Entscheidung zu treffen, braucht er einen Überblick über die Befindlichkeiten in der Gruppe, er braucht Empathie, Voraussicht und Entschlusskraft. Das birgt natürlich ein Risiko: Seine Entscheidung kann falsch gewesen sein, oder suboptimal:
So wie die Übungsfolge gelaufen ist, hat es doch nicht gepasst. Irritation oder Unzufriedenheit könnten auftauchen. Der Moderator könnte Vorwürfe bekommen. Die Teilnehmer sind zum Beispiel zu spät ans Buffet gekommen, da war dann schon alles abgegrast, die Suppe war kalt, es war kein Nachtisch mehr für alle da. So etwas muss sich der Moderator dann anhören.

Was jetzt? Er nimmt die Entscheidung mit ihren Folgen auf seine Kappe. Er trägt die Verantwortung für den Ablauf und für das Fortschreiten des teamdynamischen Prozesses. Das kann ihm in den Augen einiger Teilnehmer durchaus Minuspunkte einbringen, sie werden sich beschweren. Er ist doch der „Schuldige“. Aber er wird tapfer dafür geradestehen, und er nimmt die Kritik entgegen.

Aber einen essenziellen Vorteil hat sein Vorgehen: Es gibt keine Entzweiung der Gruppe, keine Spaltung in Gegner und Befürworter. – Es soll ja keine Kampfstimmung entstehen wie in einem politischen Gremium. In der Teamdynamik soll die Gruppe integriert und harmonisiert werden. Das hat Priorität. Die Unfehlbarkeit des Moderators ist ohnehin nicht gegeben.

Format Gastbeiträge
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