Well Team Times (210)

Nein sagen können - Ein Gastbeitrag von Armin Poggendorf

Well Team Times (210)

Nein sagen können

Interessant ist, dass beim Goo­geln das „Neinsagen“ doppelt so viele Treffer zeigt wie das „Jasagen“. Im Internet findet man auch einen Beitrag von Raphael Kolic, einem beherzten Blogger aus Wien. Hier seine Betrachtungen (etwas redigiert) über das Neinsagen:

Erinnere dich an eine Situation, in der dich jemand bat, etwas zu tun, was du eigentlich nicht wolltest. Egal wie du darauf ge­antwortet hast: Stell dir jetzt vor, du tust, um was dich der andere bittet. (Nimm dir Zeit.)

Was löst das in dir aus?
Bauchweh? Enge?
Unangenehmen Druck?

So fühle ich mich zumindest, wenn ich mir vorstelle, den Wünschen anderer nachzuge­ben, ohne das eigentlich zu wol­len.

Warum Menschen sich nicht abgrenzen

Warum grenzen sich manche Leute nicht ab, obwohl sie ei­gentlich gerade keine Lust oder keine Zeit haben? Sie sagen „ja”, wenn sie eigentlich „nein” meinen. Hier sind vier Gründe, warum sich Menschen nicht ab­grenzen:

  1. Unser Bedürfnis nach sozialem Anschluss
    Wir wollen dazugehören und versuchen dann manchmal, dem anderen entgegenzukommen,
    z.B. die Arbeit des Kollegen zu­sätzlich zu übernehmen, die Waschmaschine zu reparieren, den Workshop billiger anzubie­ten … Das Bedürfnis und die Absicht sind sehr verständlich. Was ist aber die Wirkung dieses Verhaltens? Was denken deine Kollegen von dir, wenn du dich nicht abgrenzt? Erzeugt das eher Achtung oder Verachtung? Wird dein Bedürfnis nach An­schluss erfüllt?
  2. Wir haben Schuldgefühle
    Wir fühlen uns schuldig, wenn wir uns anderen gegenüber ab­grenzen. Wir fühlen uns für ihre Gefühle verantwortlich. Und es stimmt auch (teilweise): Wir haben Einfluss auf die Gefühle anderer. Unser Einfluss ist aber nur zweitrangig. Erstrangig ist der Einfluss, den jeder Mensch selbst auf seine Gefühle hat. Das ermöglicht es jedem Men­schen selbstbestimmt auf die eigenen Gefühle zu reagieren.
  3. Wir verlieren den Kontakt zu anderen
    Wir meinen, uns nicht abgren­zen zu dürfen, wenn wir die Be­ziehung bewahren wollen. Das ist aber nicht unbedingt der Fall. In vielen Fällen schätzen es Leute sogar, wenn wir uns klar abgrenzen. Es gibt sogar eine Wahrscheinlichkeit, dass der Kontakt erhalten bleibt bzw. gestärkt wird.
  4. Wir haben ein hohes Einfühlungsvermögen
    Dadurch sind wir anfälliger, die Verantwortung für die Bedürf­nisse anderer zu übernehmen. Schlussfolgerung daraus: Wir sind menschlich und erlauben uns selbst, uns einmal nicht ab­zugrenzen.

Wozu sollte man sich abgrenzen? 

  • Sich rechtzeitig abzugrenzen beugt Ärger vor.
  • Sich rechtzeitig abzugrenzen fördert Beziehungen. Jeder ist dankbar für eine klare Ansage. Andere können sich darauf verlassen, dass du für dich sorgst. Das ist das Fun­dament einer entspannten und lockeren Atmosphäre in einer Beziehung oder Grup­pe. Das schafft außerdem ei­ne gehörige Portion Achtung, weil sich abzugrenzen auch mit Mut verbunden ist. Du stärkst so also deine Identi­tät.
  • Setzt du langfristig effektiv Grenzen, entwickelst du ein gesundes Selbstbewusstsein und verringerst Empfindun­gen wie Scham und Depres­sion.

Ein paar konkrete Strategien:
Dich abgrenzen bzw. „nein” sa­gen kannst du mit unterschied­lichen Absichten und Begrün­dungen zu verschiedenen Zeit­punkten. Welche Absicht und welche Begründungen sind be­sonders effektiv und zu wel­chem Zeitpunkt?

Wie kann man lernen, sich abzugrenzen?

Den größten Einfluss auf deine Fähigkeit, dich abzugrenzen, haben deine Einstellung und deine Einsicht in die Zusam­menhänge:

  • Du wirst wie eine Dienstmagd behandelt, wenn du dich als Dienstmagd anbietest.
  • Andere werten dich ab, wenn du ihnen jeden Gefallen er­füllst, ohne dich zu fragen, was dir wichtig ist.
  • Nähe und Verbundenheit wer­den durch Abgrenzung ge­stärkt und nicht geschwächt, weil es andere Menschen langfristig schätzen und be­wundern, wenn jemand für sich einsteht.

Absicht

  • Die Absicht, „nein” zu sagen, kann z.B. sein, dich gegen­über anderen durchzusetzen.
  • Die Absicht könnte auch sein, Rache zu nehmen oder jemanden für etwas zu bestra­fen. „Ich gehe heute nicht mit dir ins Kino, du hast mir neu­lich meinen Wunsch auch nicht erfüllt.”
  • Die Absicht kann aber auch sein, sehr bestimmt für dich selbst zu sorgen und gleich­zeitig auch die Bedürfnisse des Gegenübers ernst zu neh­men. Wenn du mit dieser Haltung „nein” sagst, baust du Vertrauen auf und stärkst deine Beziehung – auch wenn du kurzfristig einen Wunsch abschlägst.

Timing

Wenn du „nein” sagst, sollte das Timing passen. Das beste Timing ist, sofort „nein” zu sa­gen, sobald du bemerkst, dass du nicht einverstanden bist. Übergehst du den ersten Impuls „nein” zu sagen, wird es immer schwieriger, weil sich dann womöglich Ärger in dir aufbaut und du nicht mehr gelassen „nein” sagen kannst.

Wie kann man „nein“ sagen?

Im Falle einer Grenzüberschrei­tung kurz und prägnant ohne lange Erklärung: „Ich möchte nicht.” Wenn du eine Begrün­dung lieferst, dann nur: welches Ziel du selbst erreichen oder welches Bedürfnis du erfüllen willst, indem du die Bitte nicht erfüllst.

  • „Ich möchte nicht, weil ich Zeit mit meiner Familie ver­bringen will.”
  • „Ich kann heute nicht, weil ich Zeit zum Entspannen brauche.”

Wenn die Begründung zu lang und wenig konkret ist, sagst du damit eigentlich: Ich möchte nicht und bin mir unsicher, ob ich dazu das Recht habe. Du hast aber das Recht, für dich zu sorgen. Deswegen musst du dich auch nicht entschuldigen, wenn du nicht möchtest. Eine Entschuldigung ist einfach nicht angebracht und lässt dich unsi­cher fühlen. Wenn du aber aus­drücken willst, dass du den Wunsch deines Gegenübers schätzt und respektierst, dann probiere es mit „Es tut mir Leid”. Das impliziert keine Schuld, sondern Anteilnahme an seiner Situation.

Selbstakzeptanz

Letzten Endes ist es für alle, die sich schwer tun, sich abzugren­zen, wichtig, sich anzunehmen. Falls es dir schwerfällt, erlaube dir, dich auch mal nicht erfolg­reich abzugrenzen. Schritt für Schritt kannst du dann trainie­ren, dich effektiv abzugrenzen, um dich zu schützen, und so deine Beziehungen und deine Identität stärken.

Gegenangebot

Wenn dir die Beziehung am Herzen liegt, kannst du auch noch ein Gegenangebot ma­chen, um zu zeigen, dass du auch an den Bedürfnissen des Gegenübers interessiert bist:
A: „Willst du mit ins Kino kommen?“
B: „Heute nicht, das passt heute leider nicht. Am Freitag habe ich aber mehr Luft. Hättest du dann Lust ins Kino zu gehen?“

Verständnis

Du kannst auch Verständnis für die Situation der Person zeigen:
A: „Kannst du mir bitte bei die­ser Arbeit helfen?“
B: „Tut mir Leid, aber ich kann dir heute nicht helfen, ohne meine Arbeit zu vernachlässi­gen. Ich kann mir denken, dass du das Projekt endlich fertig­stellen willst. Frag doch mal Heinrich oder komm Ende der Woche noch mal zu mir.“

Auf die harte Tour

Es gibt auch harte Fälle, in de­nen dein „Nein” nicht akzeptiert wird, obwohl du womöglich deine Bedürfnisse wertschät­zend geäußert hast. Wenn für dich die Linie überschritten ist, dann kündige klare Konsequen­zen an und ziehe diese dann auch durch. Eine Konsequenz könnte z.B. sein, den Kontakt abzubrechen oder dich zu dis­tanzieren. Eine andere Konse­quenz wäre, den Arbeitgeber zu wechseln etc.
Bevor du das tust, reflektiere noch einmal deine Absicht: Willst du dich durchsetzen? Vielleicht unbewusst jemanden bestrafen, für den Schmerz, der in dir ausgelöst wurde? Oder ist es deine Absicht, dich zu schüt­zen, ohne dein Gegenüber ab­zuwerten? Konsequenzen sind meistens nicht angenehm. We­der für dich noch für den ande­ren. Manchmal ist die Wahl ei­ner Konsequenz aber die Wahl des geringsten Übels.
http://no-right-no-wrong.com/sich­abgrenzen-lernen/

 

Format Gastbeiträge
Themen
Diesen Beitrag teilen auf Diesen Beitrag teilen: Leserbrief schreiben