Well Team Times (207)

Vom Ich-Gefühl zum Wir-Gefühl - Ein Gastbeitrag von Armin Poggendorf

Die Teamuhr: Vom Einzelkämpfer zur Teamarbeit

(1) Kennenlernphase

  • höflich
  • unpersönlich
  • oberflächlich
  • vorsichtig
  • gespannt

(2) Konfliktphase

  • Cliquenbildung
  • unterschwellige  Konflikte
  • Konfrontation der Personen
  • mühsames  Vorwärtskommen
  • Gefühl der Ausweglosigkeit

(3) Organisationsphase

  • gegenseitiges  Feedback
  • Konfrontation  der Standpunkte
  • Bildung einer Teamstruktur
  • Entwicklung neuer Umgangsformen

(4) Kreativitätsphase

  • offen
  • flexibel
  • solidarisch
  • ideenreich
  • leistungsfähig

Häufig bezeichnet sich eine Gruppe als „Team“, obwohl die Mitglieder keine gemeinsame Welle gefunden und gar keinen echten Teamgeist entwickelt haben. Dieses sogenannte Team könnte zum Beispiel von einem gemeinsamen Feindbild leben. Die negative Einstellung zu diesem äußeren Feind gibt ein vorübergehendes, falsches Wir-Gefühl, das sich in Luft auflöst, wenn der Feind nicht mehr existiert.

Ein substanzielles Wir-Gefühl wächst in Phasen.

Beispiel:
Die Repräsentanten verschiedener Nationen wollen zu einer Konferenz zusammenkommen. Würde jeder einzelne von ihnen auf seinem Biorhythmus beharren, so säße der Deutsche bereits beim Abendessen, während der Amerikaner noch an den Nachmittagskaffee denkt. Um auf der Konferenz zusammen kreativ und produktiv sein zu können, müssen sie ihren Rhythmus synchronisieren und sich auf einen gemeinsamen Tagesablauf einigen.
Schließlich, nachdem sie ihren Jetlag überwunden haben, stellen sie ihre Uhren auf die gleiche Zeit. Mittags werden sie feststellen: Wir haben zwölf Uhr, lasst uns zusammen zu Tisch sitzen.

In einem Team ist es genauso. Fühlen alle Mitglieder dieselbe innere Zeit, harmonieren ihre inneren Uhren und Wertvorstellungen, dann werden sie ein Wir-Gefühl entwickeln.  Diese „innere Harmonie“ stellt sich nicht von allein ein. Sie zu erreichen kostet viel Aufmerksamkeit und Geduld. Da sind Gefühle am Wirbeln. Wo ist Konkurrenz, wo Kooperation, wie entwickelt sich die Koordination? Die Beziehungen der Teilnehmer untereinander müssen geklärt werden. Die einzelnen müssen ihre „innere Uhr“ kennen, um sie mit den anderen Uhren in der Gruppe zu vergleichen. Der Prozess vom Ich-Gefühl zumWir-Gefühl, von der Gruppe zum Team, lässt sich modellhaft in fünf Phasen gliedern.
Der US-amerikanische Psychologe und Organisationsberater Bruce W. Tuckman entwickelte 1965 ein Vier-Phasen-Modell für Gruppenentwicklungen („Team-Uhr“). 1977 ergänzte er dieses Modell gemeinsam mit Mary Ann C. Jensen um eine fünfte Phase („Adjourning“):

1) Kennenlernphase

  • (Forming)

2) Konfliktphase

  • (Storming)

3) Organisationsphase

  • (Norming)

4) Kreativitätsphase

  • (Performing)

5) Auflösungsphase

  • (Adjourning)

Bei einem Teamtraining taucht oft – nachdem sich ein Team gefunden hat – in der leichtgängigen und Spaß bringenden Kreativitätsphase die Frage auf: „Wieso haben wir nicht
gleich so begonnen? Den holprigen Anfang, lieber Trainer, hätten wir uns doch sparen können.“ Leider ist es nicht möglich, den Team-Tag erst zur späteren Stunde beginnen zu lassen. Will sich eine Gruppe zu einem kreativen und produktiven Team entwickeln, so wird sie alle Phasen nacheinander durchlaufen müssen.

Kennenlernphase

Aller Anfang ist schwer. Die Kennenlernphase ist bestimmt von höflichem Umgang, Small Talk und gespannter Vorsicht. Es gibt keinen richtigen, guten Anfang. Die Einzelkämpfer tasten sich erst einmal vorsichtig ab und bleiben zunächst reserviert. Ressentiments verbergen sie hinter einer freundlichen Fassade.

Konfliktphase

Bisher unterschwellige Konflikte und Konkurrenzen führen in dieser Phase zur offenen Konfrontation. Oft geht damit eine Cliquenbildung einher, da ein unvermeidlicher Eklat die
Gruppe in mehrere Lager mit unterschiedlichen Meinungen, Zielvorstellungen und wider-sprüchlichen Lösungsstrategien spaltet. Diese Phase des Nahkampfes beansprucht eine Menge Zeit und Kraft der Gruppenmitglieder. Man scheint nur mühsam vorwärtszukommen und hat das Gefühl der Ausweglosigkeit. Aber gerade über Konflikt und Konfrontation beginnt die Gruppe, sich zu strukturieren.

Organisationsphase

In der darauf folgenden Organisationsphase findet sich das Team. Die sozialen Umgangsformen
und Verhaltensweisen werden untereinander besprochen, reflektiert und die Ziele definiert. Es entsteht ein neues Bewusstsein über das eigene Verhalten wie auch über das Verhalten der Anderen. Die Konfrontation der persönlichen Standpunkte mündet schließlich in einem Konsens, hinter dem alle Gruppenmitglieder stehen können: dem Weg des Teams in die Synergie.

Kreativitätsphase

Die Synergie ist das energetische Zusammenwirken aller im Team vorhandenen Kräfte.
Das Team ist offen, flexibel, solidarisch, ideenreich und leistungsfähig. Dadurch wird die Team-arbeit intensiviert und beschleunigt. Das kreative Potenzial und die Produktivität des Teams können nun vollständig zur Entfaltung kommen.

Auflösungsphase

Kein Team arbeitet „ewig“ zusammen, irgendwann löst sich ja alles einmal auf. Es wäre schön, wenn die Beteiligten nicht einfach so übrigbleiben, sondern die Auflösung organisatorisch sinnvoll und sozial verträglich gestaltet werden kann. Es gibt Teams, die befristet zusammen arbeiten und deren Mitglieder danach getrennte Wege gehen.                                                          Zum Beispiel sind Mitglieder eines Projektteams von der Adjourning-Phase betroffen, wenn sie nach Abschluss ihres Projekts in ein anderes Team, in eine andere Firma wechseln oder sich wieder um ihre angestammten Aufgaben aus dem Tagesgeschäft kümmern. Adjourning (engl.) heißt eigentlich verschieben, vertagen. Teammitglieder sind häufig traurig über das Ende und machen sich Sorgen um die Zeit nach der Arbeit im Team. Aber auch diese Phase muss von den Teammitgliedern genommen werden. Das Wir-Gefühl lebt in einem „Wir-damals-Gefühl“ fort.

Ein Team muss alle Hürden nehmen

Erst durch die Bewältigung der anfänglichen Nettigkeits- und Streitigkeitsphasen findet  ein Team seine gemeinsame Welle und seinen stabilen Zusammenhalt. Die dabei entstehende Struktur ist eine vorläufige, sie wird sich im Laufe der Teamarbeit wieder verändern. Das Team wird sich deshalb immer wieder neu finden und die jeweiligen Phasen aufs Neue durchlaufen müssen. Jede Phase ist unabdingbar für die Entwicklung des Teams. Auch wenn das Kennen-lernen oberflächlich, der Konflikt nicht angenehm und die Organisation nicht einfach ist, diese Hürden müssen genommen werden, um in die Phase der Kreativität und Produktivität zu kommen.

Die Intelligenz eines Teams beweist sich in der Dynamik zur inneren Harmonie. Diese Harmonie ist ausschlaggebend dafür, dass es unter gleichen Bedingungen erfolgreicher ist
als eine andere Gruppe. Die innere Harmonie entsteht nur dann, wenn sich aus dem                Ich- Gefühl der Teilnehmer ein Wir-Gefühl entwickelt.

Prof. Dr. Armin Poggendorf lehrt an der Hochschule Fulda Betriebs­wirtschaft mit den Schwerpunkten Personal­entwicklung und Gastgewerbliche Dienstleistung. Als Leiter des Instituts für Angewandte Teamdynamik, Künzell bei Fulda, konzipiert und moderiert er team-dynamische Workshops speziell für Trainer und Lehrer, Firmen und Verbände, Kooperationen und Leistungs­verbünde.

Wer die Well Team Times einmal monatlich als PDF-Dokument erhalten möchte, der darf sich gerne direkt an Herrn Poggendorf wenden, verbunden mit der Bitte, in den Verteiler für die Well Team Times aufgenommen zu werden.

Format Gastbeiträge
Themen
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