Well Team Times (208)

Systemische Inszenierungen - Ein Gastbeitrag von Armin Poggendorf

Systemische Inszenierungen anleiten

Ein Teamdynamiker inszeniert gern, das heißt, er setzt in Szene: mit mehr oder weniger Bewegung, mehr oder weniger Stellvertretern, Regieanweisungen, Umstellungen, Fragen und gesprochenen Worten. Er inszeniert mit mehr oder weniger Improvisation, Leichtigkeit oder Drama. Mit mehr oder weniger Raum für Humor, mehr oder weniger Bezug zur persönlichen Vorgeschichte. Mit mehr oder weniger existenzieller Bedeutung für den betreffenden Teilnehmer.

Und er inszeniert systemisch. Das heißt: Es gibt mindestens zwei Ebenen, auf die er blickt:  eine individuelle („der ausgebeutete Kollege“) und die des überindividuellen Systems („der gewinnorientierte Betrieb“). Die in der Inszenierung neu gefundene Ordnung im System sorgt für eine klarere Position und höhere soziale Kompetenz des Individuums. Und die Schritte des Individuums bereichern und vervollständigen das überindividuelle System.

Nur wenige Teilnehmer sind in Aktion

Ein beachtenswerter Punkt bei den Inszenierungen ist: Es sind immer nur wenige Teilnehmer als Darsteller in der Aktion, die anderen sollen die Szenen anteilnehmend verfolgen. Wenn der Fluss aber zu langsam ist oder die Dialoge auf der Stelle treten, werden die Beobachter unruhig und ungeduldig. So ist es wünschenswert, einmal alle Teilnehmer gleichzeitig in die Aktion zu führen, so dass alle in einer Inszenierung eingebunden sind. Dann gibt es keine Beobachter mehr, die geduldig abwarten müssen. Dann sind alle gleichzeitig in einer Rolle. Die folgenden Übungen können dies gewährleisten.

Übung: Inszenierung von emotionalen Beziehungen

Wie lernt der angehende Teamdynamiker das Leiten von systemischen Inszenierungen? Er soll sich als Regisseur üben und ausprobieren. In einem team-dynamischen Workshop wagt sich aber selten einer daran, das Anliegen eines anderen spontan in eine Szene zu bringen, bei der dann auch noch heilsame Erkenntnis und Erleichterung erwartet werden. Es genügt nicht, dass der Workshopleiter ermuntert, man habe sich nur dem Fluss der szenischen Bewegungen anzuvertrauen. Es ist an ihm, den Teilnehmern die Erfahrung zu verschaffen, dass es leicht geht. Leicht, weil Beziehungen dazu neigen, sich von selbst zu inszenieren. Geübt wird am besten in der Kleingruppe, beispielsweise Dreiergruppe (Triade). Die Gruppe bekommt drei Rollen und eine Anfangskonstellation zur Anordnung im Raum. Aufgabe ist, den inneren Impulsen zu folgen. Die Bewegungen sollen langsam und fließend erfolgen, wie in Zeitlupe, ganz ohne Worte. Dabei macht jeder die Erfahrung, dass sich die Szenen von ganz allein bewegen, ohne dass ein Regisseur Positionen oder Bewegungen vorschlägt. Jeder nimmt die beiden anderen wahr, geht tief in sein Gefühl und bewegt sich, wie und wohin es ihn „zieht“. Hier erklärt sich noch mal der Begriff „Beziehung“. Alle räumlichen Konstellationen, Haltungen (stehen, sitzen, hocken, knien, liegen) und Berührungen sind erlaubt.

Ein Beispiel: Die drei Rollen sind Kind, Mutter und Leben.

Das Kind beginnt liegend. Die beiden anderen Darsteller stehen links und rechts mit Blick auf das Kind. Die Rollenverteilung können die Teilnehmer selbst bestimmen, der Leiter kann aber auch Vorschläge machen. Er kann etwa einer jungen Frau die Rolle der Mutter geben, einer älteren Frau die Rolle des Kindes. Für beide wäre das eine Erfahrung, die die Seele nährt und das Bewusstsein bereichert. Nach circa zehn Minuten werden die Bewegungen der Szene angehalten und die drei Teilnehmer setzen sich zusammen, um das Erlebte zu reflektieren. Die meisten Gruppen sind überrascht, wie viel sich getan hat, wie viele Emotionen ausgelöst wurden und dass sich alles ganz von allein, aus sich selbst heraus ergab. Der Bedarf an Austausch ist erfahrungsgemäß groß und die Gruppen sitzen noch gerne eine Zeit lang vertrauensvoll zusammen.

„Die Triade als nonverbale Inszenierung durchzuführen, fand ich mutig und einzigartig.
Ich war dankbar, dass ich als Testperson mit Raphael und Rosemarie in der Mitte demonstrieren konnte. Ich liebe diese Art von Arbeit und so war ich gespannt, wie sich diese Übung entwickelt. Ein voller Erfolg meiner Meinung nach, denn es scheint, dass alle Teilnehmer auf ihre Kosten gekommen sind und sogar die in Aufstellungsarbeit Ungeübten ihre inneren und äußeren Bewegungen hatten. Spannend am Anfang fand ich, dass es nicht Vater, Mutter und Kind waren, die aufgestellt wurden, sondern Mutter, Kind und Leben. Nach einiger Überlegung wurde mir klar, dass die Mutter-Kind-Beziehung eine ganz besondere ist und das Nähren auf dieser Ebene alles andere überragt. Eine Übung, die Heilung ermöglicht.“

Kerstin Völck, Trainerin und
Entspannungstherapeutin

„Triade (Vater, Kind und Welt): Diese Art der Inszenierung ist sehr wertvoll und auch effektiv, da alle zur gleichen Zeit ihre eigenen Erfahrungen machen können. Es hat auch einen etwas intimeren Charakter, etwas was sich zwischen drei Personen abspielt. Ich hatte dies im letzten Workshop schon in der Rolle der Mutter erlebt und bin begeistert, welche Themen sich hierdurch zeigen. Die Welt als einen Bestandteil mit hineinzunehmen ist das Tüpfelchen auf dem i. Es hat dadurch auch eine zeitliche Dimension bekommen, so dass sich in unserer Gruppe mindestens 20 – 30 Jahre aufzeigten. Es läuft von ganz allein. Es ist keinerlei Anstoß notwendig. Ich hoffe diese Methode noch öfters zu erfahren.“

Silvia Gottschlich, Betriebswirtin
und Trainerin

Noch ein Beispiel:

In Vierergruppen wird jeweils ein Teilnehmer zum Protagonisten, ihm stehen drei Stellvertreter zur Verfügung. Mit diesen stellt er drei Werte, Liebe, Treue und Gerechtigkeit, in eine räumliche Beziehung, ganz nach seiner inneren Vorstellung. Nachdem sich die drei in ihre Position eingefühlt haben, dürfen sie sich langsam bewegen, möglichst sehr langsam, damit die Emotionen auch folgen und sich entfalten können. Nach zehn Minuten Bewegung  sind die meisten Konstellationen zur Ruhe gekommen, das Bild wird nun angehalten. Nach einem Moment der Einfühlung in dieses (Zwischen-) Ergebnis setzt sich die Vierergruppe zusammen und tauscht sich über die Erfahrungen und Erlebnisse aus.

„Ich (Gerechtigkeit) war völlig überrascht von der Intensität und der Plötzlichkeit meiner emotionalen Empfindung mit Fluchtimpuls und entfernte mich maximal möglich von Liebe und Treue. Die vollkommen gegensätzliche, um 180° abgewandte Stellung von Liebe und Treue entspannte sich in der Abwesenheit der Gerechtigkeit. Liebe und Treue konnten sich schließlich zuwenden, worauf sich Gerechtigkeit wieder nähern konnte. Erklärungsansatz in der anschließenden Gruppendiskussion: Gerechtigkeit ist ein subjektiver (individueller) Maßstab. Gerechtigkeit kann in Bezug zur Treue gesetzt werden, aber weniger in Bezug zur Liebe. Welche Form von Treue letztlich noch als treu (gerecht) empfunden wird und welche als untreu (ungerecht), hängt von der Vereinbarung der Partner bzgl. der Interpretation des Treuebegriffs ab. Hat man einen gemeinsamen Wertemaßstab? Da es in Beziehungen meist keine Vereinbarung über den Treuebegriff gibt, kommt ausschließlich die individuelle Bewertung zum Tragen. In unserem konkreten Fall: Gerechtigkeit ist im Rahmen der Ausgangssituation fehl am Platz. Liebe und Treue müssen sich erst in irgendeiner Form wieder zuwenden, damit Gerechtigkeit wieder ins Spiel kommen kann.“

Albrecht Merkle, Trainer und
Berater

Prof. Dr. Armin Poggendorf lehrt an der Hochschule Fulda Betriebs­wirtschaft mit den Schwerpunkten Personal­entwicklung und Gastgewerbliche Dienstleistung. Als Leiter des Instituts für Angewandte Teamdynamik, Künzell bei Fulda, konzipiert und moderiert er team-dynamische Workshops speziell für Trainer und Lehrer, Firmen und Verbände, Kooperationen und Leistungs­verbünde.

Wer die Well Team Times einmal monatlich als PDF-Dokument erhalten möchte, der darf sich gerne direkt an Herrn Poggendorf wenden, verbunden mit der Bitte, in den Verteiler für die Well Team Times aufgenommen zu werden.

Format Gastbeiträge
Themen
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