Well Team Times (211)

Teams, und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit - Ein Gastbeitrag von Armin Poggendorf

Bedürfnis nach Zugehörigkeit

Zugehörigkeit ist ein menschli­ches Grundbedürfnis und eine starke bindende Kraft. Sie ist ein wesentlicher Faktor für das Funktionieren von Gesellschaft und sozialem Leben. Dazugehö­ren ist mehr als Dabeisein. Wer dazugehört, hat Rechte. Er hat aber auch die Pflicht, einen ge­wissen Einsatz zur Erhaltung und einen Beitrag zur Erneue­rung des sozialen Systems zu leisten.

Zugehörigkeit zur Familie
Die Liebe zur Familie ist tief und bestimmend. Wir können nicht gegen sie an. Alles was wir versuchen, um sie zu leug­nen, bringt uns, wenn auch manchmal heimlich, nur noch inniger mit ihr in Kontakt. Wir bewegen uns hier in archai­schen Dimensionen, in denen der Wille keine Macht hat. Die archaischen Muster der Familie berühren unser Innerstes. Alles, was uns bleibt, ist Zustimmung. Jede Ablehnung bringt über kurz oder lang Lebenskrisen, die die liebende Zugehörigkeit zur Familie nur unterstreichen.
Rauscher 2003, 38

Zugehörigkeit zu einer Gruppe
Der Begriff „Gruppe“ kann sehr verschieden ausgelegt werden. Die Gruppe, der man angehört, kann sehr klein bis hin zu un­überschaubar groß sein. Sie kann zum Beispiel eine Schul­klasse, ein Dorf, eine Stadt, ein bürgerlicher Stand, ein Volks­stamm, eine Nation, ein Staat oder ein Staatenbund sein.
In manche Gruppen tritt man freiwillig ein. Diese Art der Zu­gehörigkeit kann man in einem freien Willensakt wieder aufge­ben, indem man austritt. Zu die­sen Gruppen gehören zum Bei­spiel Vereine, Verbände, politi­sche Parteien, letztendlich auch Religionsgemeinschaften.
Gruppen, die mit der eigenen Herkunft zu tun haben – wie Familie, Volksstamm, Nation – kann man nicht oder nur schwer­lich verlassen, während man ei­ne Firmenzugehörigkeit oder Teammitgliedschaft relativ ein­fach aufgeben kann.
Es gibt ein Gewissen, das dem einzelnen Gruppenmitglied sig­nalisiert, ob es sich nach den Regeln der Gruppe verhält und also weiter dazugehört – oder ob es gegen wichtige Regeln der Gruppe verstoßen hat und vielleicht im Begriff ist, deshalb die Zugehörigkeit zu verlieren.
Wir haben ein gutes Gewissen, wenn wir uns an die Regeln der Gruppe halten, und wir haben ein schlechtes Gewissen, wenn wir die Regeln der Gruppe bre­chen. Dieses Gewissen hat nichts mit Moral zu tun. In einer Gruppe von Taschendieben muss man stehlen, um dazuzu­gehören, in einer anderen Grup­pe wird man dafür vielleicht ausgeschlossen. Ganz im Ein­klang mit seiner Gruppe und daher mit gutem Gewissen kann jemand im Krieg wehrlose Mit­glieder einer anderen Gruppe umbringen. Und er hätte ein schlechtes Gewissen, wenn er es nicht täte.
Vgl. Rauscher 2003, 90 f.

Zugehörigkeit zu einem Team
Ein Team ist ein abgegrenztes System – jemand gehört dazu oder nicht. Eine halbe oder un­klare Zugehörigkeit wider­spricht dem Wesen eines Teams. Jemand, der dazugehört, ist im Recht dazuzugehören mit allen anderen Teammitgliedern ebenbürtig, auch wenn nicht al­le Mitglieder die gleiche Positi­on im Team haben.
Dieses Recht auf Zugehörigkeit enthält aber auf der anderen Seite die Verpflichtung, einen der Position gemäßen Beitrag zur Erhaltung und Entwicklung des Teams zu leisten.
Das gute Team sorgt für seine Mitglieder und fördert sie in ih­rer Weiterentwicklung – und die Mitglieder ihrerseits verhal­ten sich loyal zum Team und engagieren sich für dessen Ziele und Aufgaben.
Wird mit dem Recht auf Zuge­hörigkeit von einer der beiden Seiten leichtfertig umgegangen, z.B. das Team trennt sich lieb­los von Mitgliedern, oder ein Mitglied entwickelt die Menta­lität, sich nur versorgen zu las­sen, also nur zu nehmen, dann wirkt dies im Team wie eine schwere Hypothek: Das Vertrau­ensverhältnis der Mitglieder zum Team wird getrübt, das Engage­ment der Einzelnen lässt nach.
Vgl. Gunthard Weber 1998, 409 f.

Zugehörigkeit zum Trainingsteam
Ein Trainingsteam ist ein Team im Entstehen und Vergehen. Es entsteht mit Beginn des Trai­nings, und es löst sich wieder auf, wenn das Training zu Ende ist. In der Zeit dazwischen können die Teilnehmer den Teamentwicklungsprozess erleben, Im gruppendynamischen und im team-dynamischen Training etwa wird dieser Prozess nicht nur erlebt, sondern auch er­forscht. Jeder kann seine sozialen Kompetenzen und seine soziale Stellung bei der Teambildung reflektieren und weiterentwickeln.
Für diesen Prozess ist es unerlässlich, dass jeder einzelne Teilnehmer sich zugehörig fühlt und sich einbringt. Er muss etwas hineingeben, um auch etwas herauszubekommen. Je mehr er sich authentisch einbringt, desto mehr wird er profitieren. Aber dazugehören muss er für die Zeit des Trainings schon ganz. Anders wird der exemplarische Prozess nicht funktionieren.

Zugehörig zu einer Organisation
In Organisationen und Betriebssystemen gilt wie in allen sozialen Systemen das Recht auf Zugehörigkeit. Vergleicht man Organisationen mit Familiensystemen, so gilt dieses Recht allerdings in modifizierter Form. Einerseits gilt auch in Organisationen: Jeder, der dazugehört,
gehört voll dazu! Ebenso wie in Familien kann niemand einen höheren Anspruch darauf geltend machen, Mitglied des Sys­tems zu sein. Niemand darf einem anderen Mitglied das volle Zugehörigkeitsrecht in Abrede stellen. Jeder Verstoß gegen diese Regel führt zu einer Schwächung des Systems, da auf diese Weise die Bindung unterminiert wird. Andererseits ist dieses Recht auf Zugehörigkeit – und darin unterscheiden sich Organisationen von Familiensystemen – ein relatives Recht. Es gilt nur für den Zeitraum der faktischen Zugehörigkeit: Es beginnt mit dem Eintritt und endet beim Verlassen des Systems. Wer dazugehört, gehört voll dazu, aber niemand hat Anspruch auf Zugehörigkeit. Während Zugehörigkeit in Familiensystemen per Geburt und lebenslang „verbrieft“ ist, gilt diese Unverbrüchlichkeit in Organisationen nur für den Zeitraum, in dem jemand tatsächlich Teil der Organisation ist.  Also: Wenn und so lange ein Mensch Mitglied einer Organisation, eines Unternehmens oder eines Verbandes ist, hat es wie jedes andere Mitglied ein absolutes und nicht zu schmälerndes Recht auf Zugehörigkeit. Das darf allerdings nicht verwechselt werden mit einer lebenslangen Anstellungsgarantie.  Vgl. Grochowiak/Castella 2001, 38f. 

Zugehörigkeit zum Volksstamm                                                                                     Die Zugehörigkeit zum Volksstamm, in den man hineingeboren wurde, kann man wie die Zugehörigkeit zur Herkunftsfamilie nicht aufgeben. Wer sich vom eigenen Volksstamm abwendet, verliert eine wichtige Kraftquelle. Man spricht auch von Entwurzelung. Die ethnische Zugehörigkeit ist tiefer als die nationale. Der Volksstamm ist älter, die Zugehörigkeit zu ihm trägt archaische Züge. Die Nation hat sich meist in jüngerer Zeit aus mehreren Volksstämmen gebildet. Die nationale Zugehörigkeit muss, wenn sie von politischer Seite genutzt werden soll, immer wieder neu beschworen werden. So kann ein Volksstamm aus einer Nation austreten und wie­der ein eigenständiges politi­sches Gebilde werden. Manch­mal muss es dafür kämpfen. In der jüngeren Geschichte konnte man das beim Zusammenbruch der UdSSR sehen. Doch auch in Spanien und Kanada gibt es Se­parationstendenzen.

Zugehörigkeit zur Menschheit
Das größte und wichtigste Sys­tem ist das der gesamten Menschheit. Alle Menschen, egal welcher Hautfarbe, wel­cher Nation und Religion, besit­zen das Recht der Zugehörig­keit zum System der Mensch­heit. Es gibt dabei genauso wie in den anderen sozialen Syste­men keine Graduierung. Jeder gehört gleichermaßen dazu, oh­ne Unterschied. Keiner gehört weniger dazu, weil er schwarz, gelb, rot oder weiß ist. Keiner darf ausgeschlossen werden, weil er einer anderen Nation oder anderen Religion angehört.
Der Blick auf diese systemische Ebene ist entscheidend. Denn diese Ebene verbindet alle Men­schen. Auf ihr sind wir alle Brü­der und Schwestern, zugehörig zu einem gemeinsamen System. Wir können diese Zugehörigkeit genauso wenig ablegen wie die Zugehörigkeit zur Familie.
Das System ist unerbittlich. Verstöße gegen die archaische Ordnung werden immer geahn­det. Wenn ein Volk sich auf­schwingt und sagt, wir gehören mehr dazu, wir sind wichtiger, besser, mehr wert, wir sind die Herrenmenschen, dann wird es über kurz oder lang selbst aus­gegrenzt und erleidet dasselbe oder ein ähnliches Schicksal wie das, das es anderen Völkern zugefügt hat. In der Geschichte lässt sich dies gut erkennen.
Vgl. Rauscher 2003, 88 ff.

Format Gastbeiträge
Themen
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