Well Team Times (212)

Das Gegenüber ist ein Spiegelbild - Ein Gastbeitrag von Armin Poggendorf

Well Team Times (212)

Das Gegenüber ist ein Spiegelbild

In östlichen Religionen gibt es die Lehre, dass alles, was wir wahrnehmen, bloß eine Illusi­on, eine „Maya“ ist (sanskrit: maya = Göttin der Illusion). Aber wieso sollte es eine Illu­sion sein? Schließlich können wir Objekte und auch andere Menschen dingfest machen. Wir sehen und fühlen sie und können mit ihnen umgehen.
Die Hirnforschung der letzten Jahre erklärt uns, was eigent­lich damit gemeint ist: Unser Gehirn liegt eingebettet im In­nern des Schädels. Es erhält nur über die Nervenbahnen feine elektrische Signale von unseren Wahrnehmungsorga­nen (Augen, Ohren, Nase etc.). Dann kommen die Neuronen zu ihrem Einsatz, funken über die Synapsen und „errechnen” sich aufgrund dieser Signale blitzschnell die äußere Reali­tät. Sie entwerfen miteinander aber nur eine Nachbildung der Realität, schaffen eine Innen­welt, welche die Außenwelt repräsentiert. Womit wir also arbeiten, ist diese mentale Re­alität, die von unserem Gehirn hergestellt wird. Sie orientiert sich an den Signalen aus den Wahrnehmungsorganen, die von außen, von Menschen und Objekten angeregt werden. Daher haben wir immer den Eindruck, wir würden eine äu­ßere Realität wahrnehmen.
Doch wenn wir von dieser neurobiologischen Erkenntnis ausgehen, ändert sich unser Verständnis: Wir nehmen im­mer nur das Ergebnis der Ak­tivität unserer Neuronen wahr – letztlich also unseren eige­nen Film. Wir erleben, was unser Gehirn aus den herein­kommenden Signalen macht. Wir schauen immer nur durch die Brille unserer Prägungen, Erfahrungen und Bewertun­gen. Wir schauen mit den Di­optrien unserer Hoffnungen und Befürchtungen. Das, was wir sehen, ist immer ein Teil von uns selbst. Wir schauen also permanent in den Spiegel und besonders in der Kon­stellation, in der wir jeman­dem begegnen.

Unser Gegenüber ist ein Spie­gelbild. Und das ist auch so in der Übung, in der wir einander gegenübersitzen und einfach nur wahrnehmen. Wenn wir davon ausgehen, dass das im­mer so ist, dann müssten wir alles, was wir wahrnehmen, auch permanent in Frage stel­len: Stimmt es wirklich mit der Realität überein, was ich hier gerade wahrnehme? Ar­beitet mein Gehirn perfekt? Oder ist es vorprogrammiert? Sind die Deutungen und Inter­pretationen meiner Neuronen immer korrekt? Oder sind sie subjektiv verzerrt? Verstehe ich meine Mitmenschen rich­tig? Oder verstehe ich nur mich selbst?
Die Wahrnehmungsforschung lehrt inzwischen, dass wir nur dasjenige wahrnehmen kön­nen, was in unser vorgegebe­nes „Mindset“ (unsere Vor­stellungswelt) passt.
Das heißt in der Konsequenz:
Wir erkennen nur, was wir kennen. Wir müssen also im­mer achtsam sein, uns fragen, ob wir überhaupt richtig liegen in dem, was wir über unsere Mitmenschen denken und be­haupten. So kann der Trainer in dieser Übung den Teilneh­mern sagen: Schau auf dein Gegenüber. Was du da siehst, ist ein Teil von dir selbst. Das, was du bewunderst, auch das, was du nicht magst oder ko­misch findest. Hast du diesen Teil von dir schon akzeptiert? Kannst du ihn wertschätzen? Heiße ihn willkommen in dei­nem Herzen, so dass sich die Spaltung in dir weiter abbaut. Denn es ist eins: Das Gegen­über, das bist du selbst. Deine gefühlsmäßige Bewertung des Gegenübers ist im Grunde dein Selbstwertgefühl. Integriere die abgespaltenen Teile und gehe einen weiteren Schritt in Richtung Selbstbe­wusstsein.

Unser Gehirn
ist ein unentwegter Schöpfer, der die äußere Welt innen nachbildet. Die Verantwortung für unsere Nachbildungen ha­ben nur wir selbst. Wir haben die volle Verantwortung für unser inneres Erleben, unsere Gedanken und auch für unsere Gefühle. Unsere Gehirnstruktur entscheidet, auf welche Weise es die äußeren Objekte wahr­nimmt. Jeder Mensch „konstru­iert“ sich seine Wirklichkeit im eigenen Kopf. In der Psycholo­gie nennt man diese Einsicht „Konstruktivismus“.
Dabei gibt unser Gehirn den äußeren Objekten eine subjek­tive Bedeutung. Je klarer wir die eigene Verantwortung für unsere „Konstruktionen“ er­kennen, desto weniger Vorwür­fe und Schuldzuweisungen müssen wir anderen machen. Auch unsere Ängste gegenüber anderen Menschen haben keine Grundlage mehr, wenn wir ein­sehen, dass wir nur vor uns selbst, vor den schmerzlichen Konstruktionen unseres Ge­hirns Angst haben.
Dafür, wie unser Gehirn mit den hereinkommenden Signa­len umgeht und was es daraus konstruiert, kann niemand an­ders die Verantwortung über­nehmen. Aus der Idee des Konstruktivismus ergeben sich nach Paul Watzlawick zwei Konsequenzen:

  • Ein Gefühl der Verantwort­lichkeit – denn wenn wir wissen, dass wir unsere ei­gene Wirklichkeit herstellen, sind wir für diese Wirklich­keit auch verantwortlich.
  • Eine Toleranz für die unter­schiedlichen Wirklichkeiten der anderen – denn diese Wirklichkeiten haben ge­nauso viel Berechtigung wie unsere eigene.

Jeder projiziert auf sein Gegenüber
Eine Projektion liegt vor, wenn eigene nicht akzeptierbare Wünsche, Eigenschaften oder auch Ideale anderen Personen zugeschrieben werden. Insbe­sondere wenn wir emotional reagieren, wenn wir uns aufre­gen, spotten, moralisieren, aber auch wenn wir loben, schwär­men oder entzückt sind, steckt oft eine Projektion dahinter. Wir moralisieren oder loben eigentlich einen latenten, un­sichtbaren Teil von uns selbst. Eine kühle Feststellung („Du siehst erholt aus“) muss dabei noch keine Projektion sein.
Wer ein Feedback gibt, sollte sich bewusst sein, dass alles, was er an einem anderen Men­schen erkennt, nur das sein kann, was er selbst irgendwo auch in sich hat. Jeder kann nur das nachvollziehen und beur­teilen, was er selbst erfahren hat. Ein Feedback ist deshalb immer auch eine Projektion und spiegelt die eigenen Wün­sche und Probleme wider. Dies ist weiter auch nicht schlimm, der Betroffene kann von der Erfahrung und der Sichtweise jedes Einzelnen nur profitieren.

Was man in einem anderen sieht, ist das, wofür man sich selbst hält
Wir vergraben die Dinge, die wir an uns selbst nicht mögen, und projizieren sie dann auf un­sere Umgebung. Daraus folgt, dass das, was wir in einem ande­rem sehen, dem entspricht, wo­für wir uns selbst halten.
Wenn du eine positive Eigen­schaft in einem anderen Men­schen siehst, sie dir selbst aber nicht zutraust, kannst du davon ausgehen, dass du diese Gabe unterdrückt hast, und zwar auf Grund von Schuldgefühlen oder aus Furcht, deiner eigenen Gabe nicht standhalten zu können. Möglicherweise wolltest du auch vermeiden, den Neid eines ande­ren auf dich zu ziehen. Oder du hattest Angst, auf diesem Gebiet wegen deiner besonderen Fähig­keit anderen voraus zu sein. Du hast diese Begabung geleugnet, aber sie ruht immer noch in dir und wartet darauf, geweckt zu werden. Wäre es nicht so, wür­dest du diese Begabung in einem anderen Menschen gar nicht wahrnehmen.
In genau derselben Weise han­delt es sich bei den negativen Dingen, die du in anderen siehst, tatsächlich um das, was du von dir selbst glaubst. Sobald du dem Negativen in dir selbst vergibst, stört es dich nicht län­ger an anderen. Wenn das, was du in einem anderen siehst, das ist, was du von dir selbst hältst, musst du dein Urteil über den anderen ändern. Andernfalls hängst du an dem Bild, das du von ihm hast, und wenn du dich davon nicht lösen kannst, gerätst du in eine Opferhaltung. Sei be­reit, dem anderen zu vergeben und deine Urteile zu verändern, so dass eine positive Seite deines Wesens wieder an die Oberflä­che gelangen kann.
Chuck Spezzano 2003, 139

Format Gastbeiträge
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