Well Team Times (216)

Emotionen zulassen und aushalten - Ein Gastbeitrag von Armin Poggendorf

Affekttoleranz – Emotionen zulassen und aushalten

Ein Affekt ist eine kurz dauern­de, stark ausgeprägte Emotion, eine Gemütserregung oder Ge­fühlswallung, die durch äußere Anlässe oder psychische Vor­gänge ausgelöst wird. Anders als bei einer Stimmung ändert sich die Gefühlslage dabei meist plötzlich und nur für kur­ze Zeit. Typische Affekte sind z.B. Zorn, Hass und Freude. Affekte haben zwei Ausdrucks­dimensionen, eine körperliche und eine motivationale Dimen­sion. Ein Lächeln kann bei­spielsweise ein Ausdruck für den Affekt Freude sein. Erröten ist bezeichnend für den Affekt Scham. Der Impuls, mit der Faust auf den Tisch zu hauen oder die Tür zuzuschlagen, ist eine charakteristische Motivati­on aus dem Affekt Wut heraus. Allgemein wird unter einem Affekt auch ein besonders intensiv erlebtes Gefühl verstanden, das mit deutlichen körperlichen Be­gleiterscheinungen verbunden ist. Typische Merkmale eines Affekts sind:

  • tiefes Erleben bei eingeeng­tem Bewusstsein
  • verminderte willentliche Kontrolle, was Affekthand­lungen und Kurzschlusshand­lungen begünstigen kann
  • geht mit einem starken Verhaltensimpuls einher (auf einen situativen Reiz hin schnell anspringende emotio­nale Reaktion)
  • wird im Vergleich zum Ge­fühl kurz und intensiv erlebt

In Psychologie und Pädagogik werden der Affektbereich (Gefühle) und der kognitive Be­reich (Gedanken) gegenüberge­stellt. So gibt es affektive und kognitive Lernziele. Affektive Lernziele beziehen sich auf Än­derungen der Interessen, Ein­stellungen und Werthaltungen. Kognitive Lernziele beziehen sich auf das Wissen und die in­tellektuellen Fertigkeiten.

Affekttoleranz
ist die Toleranz des Menschen, die Affekte (Gefühle, Emotio­nen), denen er unverhofft aus­gesetzt ist, zu tolerieren und an­zunehmen. Diese Affekte kön­nen etwa Freude, Wut, Trauer, Eifersucht, Furcht, Verzweif­lung, Heißhunger, Ekel, Über­raschung oder Interesse sein.
Häufig werden Gefühle aus Angst, von ihnen überwältigt zu werden, vermieden. Gefühle zu tolerieren, willkommen zu hei­ßen, in Achtsamkeit anzuneh­men und in Duldsamkeit auszu­halten, führt dazu, dass sie sich verändern, sanfter werden, we­niger besitzergreifend, und dann werden sie auch wieder verge­hen. Dieser als vorübergehend erlebte Charakter von Gefühlen kann die Bereitschaft, sie wahr­zunehmen, fördern. Diese Emp­fänglichkeit ermöglicht es dem Menschen, seine Gefühle aus­zukosten, sie weniger zu zensie­ren. Er muss sich weniger schüt­zen. Achtsamkeit erhöht die Fä­higkeit, intensive Gefühle wahr­zunehmen und auszuhalten. Es gibt einige Faktoren, die über die Affekttoleranz eines Men­schen entscheiden:

Emotionale Unterstützung:
Die Unterstützung, die jemand für eine Emotion erfährt, ist vielleicht der wichtigste Faktor, der darüber entscheidet, inwie­weit diese Person die Emotion erleben und sich ihr aussetzen kann. Eine solche Unterstüt­zung durch andere kann im ge­genwärtigen Leben stattfinden oder in der Vergangenheit exi­stiert haben und dann als Res­source verinnerlicht worden sein.

Innere Einstellung zu einer Emotion:
Ein weiterer wichtiger Faktor, der darüber entscheidet, inwie­weit jemand eine Emotion erle­ben und aushalten kann, ist sei­ne Einstellung zu ihr. Zum Bei­spiel haben einige Menschen Widerstände gegen unange­nehme Emotionen, da sie es für ungesund halten, sich länger mit ihnen abzugeben. Einige glau­ben, Männer sollten keine Ver­letzlichkeit zeigen und Frauen weder Ärger noch Wut empfin­den. Das Erleben unangeneh­mer Emotionen ist naturgemäß schwierig. Schließlich handelt es sich um Zustände von Stress und Dysregulation in Gehirn und Körper. Es gilt, den uns ei­genen Widerstand gegen unan­genehme Emotionen zu über­winden, um diese erleben und verarbeiten zu können. Nur durch das Durchleben ver­schwinden die Emotionen nach­haltig.

Verkörperung einer Emotion:
Die Verkörperung von Emotio­nen wird hier verstanden als die Fähigkeit, emotionale Erfah­rungen möglichst weit in den physiologischen Systemen von Gehirn und Körper auszudeh­nen, sie körperlich zu erleben und sich ihnen auszusetzen. Je mehr eine Emotion in möglichst weiten Teilen des Körpers prä­sent ist, desto leichter ist es, sie zu erfahren. Verkörperung ist die bewusste Wahrnehmung von Gefühlen als Körperempfindungen, Um­setzung in Körpersprache und Körperausdruck. Da es für den Menschen physiologisch und psychisch schwierig ist, unagenehme Emotionen zu erleben, auszuhalten und auszudrücken, ist das wirklich Arbeit.
Die Angewandte Teamdynamik ist nicht umsonst ganzheitlich angelegt. Das heißt, man be­zieht den Körper mit ein und lädt von vornherein dazu ein, Emotionen mitzubringen und fließen zulassen. Ein solidari­sches Trainingsteam unterstützt den emotionalen Prozess. Die Körperhaltung, die Gestik und die Proxemik werden gedeutet und gesteuert, so dass sich die emotionalen Prozesse entfalten und zu einem Schluss kommen können. Bei einfühlsamer Moderation lässt sich steuern, ob eine Emotion physiologisch nur oberflächlich oder tiefer ver­körpert werden kann – je nach­dem, wozu die betreffende Per­son in der Lage ist. Die Verkörperung von Emotio­nen kann mit großer Effizienz zur Auflösung von Symptomen führen. Verkörperte Emotionen sind entscheidend für unser op­timales körperliches und geisti­ges Gleichgewicht und Funkti­onieren insgesamt.
Die Methode der Angewandten Teamdynamik, die sich mit Emotionen und deren Verkörpe­rung befasst, kann nicht nur hel­fen, emotionale Blockaden auf­zulösen, sondern auch kognitive Engpässe und Probleme auf der Verhaltensebene anzugehen. Angestrebt wird die Stärkung der emotionalen wie auch kog­nitiven und verhaltensbezoge­nen Kompetenzen im täglichen Leben.
Das Wissen um die Rolle des Körpers bei emotionalen Erfah­rungen ist noch alles andere als Allgemeingut. Die Erkenntnisse in einer Nussschale:

  1. An Emotionen sind physio­logisch potenziell das ganze Gehirn und der ganze Körper beteiligt.
  2. Physiologische Abwehr von Emotionen kann an bestimmten Stellen die vollständige Erfah­rung von Emotionen einschrän­ken.
  3. Die Abwehr kann womög­lich erschweren, diejenigen Emotionen zuzulassen, die an einigen wenigen Stellen über­haupt noch ausgelöst werden.
  4. Emotionen und ihre Ver­körperung sind nicht nur wich­tig, um emotionale, sondern auch um kognitive und verhal­tensbezogene Schwierigkeiten aufzulösen.
  5. Der gewährte sichere Raum für Emotionen sowie die Fähig­keit und Gelegenheit, emotiona­le Prozesse körperlich zu erle­ben und zu gestalten, verbessern langfristig die Chancen nicht nur im privaten, sondern auch im beruflichen Leben.

Diese Erkenntnisse stellen die wissenschaftliche Basis für die Entwicklung von teamdyna­mischen Moderationsmethoden dar. Bei diesen Methoden geht es um die Arbeit mit Emotionen und deren Verkörperung. Über den Weg des körperlichen Ein­drucks und des Ausdrucks lässt sich die persönliche Entwick­lung in emotionaler und kogni­tiver sowie verhaltensbezogener
Hinsicht verbessern. Die Verkörperung von Emotio­nen ist eine zentrale Methodik in der Angewandten Teamdy­namik:

  • die Ausdehnung von Emotio­nen in möglichst weite Teile des physiologischen Systems hinein (tief oder eher ober­flächlich, je nach den Mög­lichkeiten des Teilnehmers)
  • die Entwicklung der Fähig­keit, die Emotion für längere Zeit und im unterstützenden Trainingsteam sichtbar zulas­sen zu können
  • die Inszenierung von Anlie­gen und Problemen mit fo­kussierenden, vertiefenden, aber auch spielerischen Inter­ventionen

Sowohl die Heftigkeit der Emo­tion als auch die Dauer der Be­schäftigung mit ihr sollte man so moderieren, dass die Gefahr einer emotionalen Überforde­rung und Destabilisierung ver­mieden wird. Der Teilnehmer soll jederzeit auf seine Ressour­cen zurückgreifen und seine Emotionen regulieren können. Es geht um den Balanceakt zwi­schen einem tieferen Sichein­lassen auf die Emotion einer­seits und einem hinreichend re­gulierten physiologischen Zu­stand andererseits.
Die drei erläuterten Faktoren – Unterstützung, Einstellung und Verkörperung – hängen zu­sammen. Je günstiger die eigene Einstellung und je größer die äußere Unterstützung für das Erfahren einer Emotion, desto leichter auch ihre Verkörpe­rung. Ergebnis ist eine erhöhte, gesunde Affekttoleranz.
Siehe auch:
https://de.wikipedia.org/wiki/Affekt www.integralsomaticpsychology.com/ de/bessere-erfolgsbilanz

Format Gastbeiträge
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