Well Team Times (217)

Raumverhalten deuten und steuern - Ein Gastbeitrag von Armin Poggendorf

Well Team Times (217)

Proxemik – Raumverhalten deuten und steuern

Beim unaufhaltsamen Trend zu den sozialen Medien, zur digitalen Kommunikation und zum virtuellen Kontakt entsteht unvermeidlich ein Bedürfnis nach leibhaftiger Begegnung und Face-toFace-Kommunikation. Es gibt ein neues Verlangen nach persönlicher Nähe, menschlicher Zuwendung, sozialem Lernen, kultureller Integration, nach Anschluss an eine Werte-und Verhaltenskultur.

Die Angewandte Proxemik ist eine wirkungsvolle Methode, um das Raumverhalten des Menschen zu deuten und zu steuern, um dadurch soziale, kommunikative und integrative Prozesse zu befördern. Der Ansatz geht auf den Bedarf an neuen, wirksamen Führungs-, Interaktions-und Vermittlungsformen ein. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Face-to-face-Begegnung.

Der Begriff Proxemik ist aus dem Lateinischen abgeleitet:
(lat.) proximare = sich nähern.
Geprägt wurde er in den 1960er Jahren von dem US-amerikanischen Anthropologen
und Ethnologen Edward T. Hall. Dieser gilt als Begründer der interkulturellen Kommunikation.

In Forschung und Praxis bedeutet Proxemik soviel wie: Raumverhalten, also die eingenommene räumliche Position in Bezug zu den anwesenden Menschen als Ausdruck sozio-emotionaler Beziehungen. Kurz gesagt, die räumlich-körperliche Konstellation. Sie hat vier Dimensionen:

  • Distanz: Wie viel Nähe oder Distanz ist in dieser Situation angemessen?
  • Augenhöhe: Wer blickt auf wen herab? Wer steht über wem?
  • Ausrichtung: In welche Richtung zeigen die Füße, der Körper, der Kopf? Wohin geht der Blick?
  • Berührung: Welche Berührung ist angemessen: Handschlag, Schulterklopfen, Schulterschluss, Umarmung …? Welche Besonderheiten gibt es, etwa bei helfenden und heilenden, lehrenden und leitenden Berufen?

Das proxemische Prinzip besteht darin, dass sich soziale und emotionale Beziehungen physisch, das heißt räumlich und körperlich, abbilden. Mithilfe der Proxemik gelingt es, die sozio-emotionalen Beziehungen mit räumlich-körperlichen Konstellationen plastisch darzustellen, zu klären und anzuregen. Wir können die proxemischen Konstellationen also einerseits wahrnehmen und interpretieren, andererseits aber auch herstellen und wirken lassen,  wie es etwa in Systemischen Aufstellungen praktiziert wird.

Proxemik ist dreierlei, sie ist:

  • eine Realität für jeden, der mit Menschen zusammentrifft, ihnen persönlich begegnet oder sich in sozialen Systemen räumlich bewegt, seien es lernende, kreative oder produktive Systeme
  • eine Wissenschaft für den, der sich zur Aufgabe macht, die prinzipiellen Gesetze des Raumverhaltens zu erfassen, zu verstehen, zu beschreiben und zu erklären
  • eine Methodik für den, der Teams oder Gruppen führt, unterrichtet, trainiert, moderiert, motiviert, leitet, berät, supervidiert, ebenso für den, der systemische
    Aufstellungen leitet.

Je nachdem, ob jemand in einem sozialen System „unter Menschen“ ist oder das Raumverhalten als Sozialwissenschaftler untersucht oder helfend, heilend, lehrend, leitend unterwegs ist, handelt es sich also um erlebte, erforschte oder angewandte Proxemik.

Die Angewandte Proxemik stellt ein sozio-kulturelles Set of Tools bereit, mit dem die Möglichkeit besteht, sich das natürliche räumliche Verhalten – das eigene wie das der anderen – bewusstzumachen.
Wir können das Raumverhalten lesen, wir können es auch bewusst lenken.

Proxemik = Raumbedeutung und Raumverhalten,
die räumlich-körperliche Konstellation von Personen

Distanz

Grundsätzliche Unterscheidung

  • intime
  • persönliche
  • gesellschaftliche
  • öffentliche Distanz

Bei paralleler Ausrichtung: Zuneigung und Abneigung

Übungsbeispiele

im team-dynamischen Kreis:

  • Kreis bilden, Kreisgröße variieren
  • Kreisbögen durch Gassen trennen
  • Jeder probiert es aus, in der Mitte zu stehen, zu sprechen
  • Zwei Personen in der Mitte bestimmen die ihnen angenehme
    körperliche Distanz. Danach zu zweit experimentieren (Stühle werden an die
    die Wand gestellt).

Augenhöhe

Grundhaltungen des Körpers: stehen, sitzen, hocken, knien, liegen

„Überblick oder Froschperspektive?“

Was macht größer bzw. kleiner?

  • Kinn anheben macht größer
  • In der Wirbelsäule einknicken macht kleiner
  • Kopf schräg legen macht kleiner
  • flache oder hohe Absätze?
  • Bühne, Podest, Thron, Lehrerpult

Übungsbeispiele

Durchsetzung eher im Stehen oder im Sitzen?

Im übertragenen Sinn

die Forderung auf „gleicher Augenhöhe“ zu verhandeln

Ausrichtung      

  •  Basis sind die Füße
    (Grundsätzliche Ausrichtung: Wohin zeigen die Fußspitzen?)
  •  Drehung des Körpers (Zuwendung)
  •  Kopfdrehung („Sie hat ihm den Kopf verdreht“)
  • Augenrichtung (Gibt es Blickkontakt?)

Ausrichtung im Sitzen auf Stühlen. Verschiedene Positionen fördern ein Gespräch auf sehr unterschiedliche Weise.

Übungsbeispiele

In der Mitte des Kreises: Man wendet sich jedem einmal zu; Blickkontakt eine Zeit lang halten Seitengespräche, Frontalgespräche, Hinterm-Rücken-Gespräche

Berührung

  • Körperkontakt
  • Handkontakt:
    Handschlag mit und ohne Übergriff, Schulterklopfen, Knuffen, Boxen
  • mit den Armen:
    Umarmung, Schulterschluss mit und ohne übergreifende Arme
  • mit dem Mund:
    Handkuss (angedeutet),
    Wangenküsse (in Frankreich üblich)

Übungsbeispiele
Mitte als Marktplatz. Alle gehen herum, begrüßen einander, kommunizieren miteinander, jedesmal auf eine neue Weise, mit verschiedenen Berührungen, die der Trainer ansagt. Möglichst viele Varianten sollten ausprobiert werden

 

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