Well Team Times (218)

Achtsamkeit und Entschleunigung - Ein Gastbeitrag von Armin Poggendorf

Well Team Times (218)

Achtsamkeit und Entschleunigung

Die technische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwick­lung hat in unserer Industrie- und Mediengesellschaft eine Eigendynamik gewonnen, die eine unselige Hast und Hektik in alle Lebensbereiche hineinträgt und dabei jeden natürli­chen und menschlichen Rhythmus ignoriert. Inzwi­schen streben wir nach Tem­poreduktion. Mit dem Begriff Entschleunigung wird uns nahegelegt, aktiv der Be­schleunigung des beruflichen und privaten Lebens entge­genzusteuern, das heißt wieder langsamer zu werden oder so­gar zur Langsamkeit zurück­zukehren. „Slow-Food“ und „Slow-Life“ sind Trends. Da­bei geht es nicht um Lang­samkeit als Selbstzweck, son­dern um gesunde Geschwin­digkeiten, nachhaltige Ent­wicklungen und Achtsamkeit: im Umgang mit sich selbst, mit den Mitmenschen und mit der umgebenden Natur.
Tempo-Reduktion bringt stets auch eine Stress-Reduktion. Im Lebens-und Arbeitskon­text führt sie zu einem gesün­deren, liebevolleren Umgang mit sich selbst und den ande­ren. Sie ermöglicht dem Zeit­genossen, sich selbst und sei­nen Körper bewusster zu erle­ben, sie führt zu mehr Mitge­fühl und Selbstachtung.

Das reduzierte Tempo in der Angewandten Teamdynamik
In team-dynamischen Work­shops ist die Entschleunigung der sozialen Prozesse ein Schlüssel: Die entstehende Langsamkeit bietet einen fan­tastischen Freiraum für das Training von Empathie und Selbstbewusstsein und den Auf­bau sozio-emotionaler Kompe­tenzen. Im team-dynamischen Kreis erreichen wir bei jedem Beitrag allein schon durch das rituelle Betreten der Mitte eine Entschleunigung der Kommu­nikation und eine erhöhte Aufmerksamkeit für soziale Prozesse. Die Seele sprintet nicht. Psycho-soziale Prozesse vollziehen sich langsam. Sie folgen einer eigenen Ge­schwindigkeit, was sowohl für den Protagonisten in der Mitte als auch für die übrigen Teil­nehmer im Kreis wertvoll ist. Neueinsteiger, die oft mit ei­ner Ungeduld kommen, lernen in den Workshops, dem eige­nen Rhythmen und dem Fluss der Dinge zu vertrauen. Und sie lernen gleichermaßen, Ge­duld und Verständnis für die Geschwindigkeit der emotio­nalen Prozesse aufzubringen, die bei anderen Teilnehmern ablaufen.

Der Moderator als Wächter der Zeit
Da Moderation meist in einem vorgegebenen zeitlichen Rah­men eingesetzt wird, ist das Einteilen der Zeit eine wichti­ge Aufgabe des Moderators. Der Moderator muss mit der Zeit jonglieren können, sie in einem dynamischen Gleich­gewicht halten, indem er sich geschickt zwischen der ersehn­ten Entschleunigung und der gebotenen Beschleunigung be­wegt.
Einerseits möchte jeder Teil­nehmer genug Zeit haben, um sich durch Beiträge oder in Gesprächen zu entfalten, ande­rerseits wächst sein Unmut, wenn der vorgegebene zeitli­che Rahmen nicht eingehalten wird. Es kann auch zu Span­nungen in der Gruppe kom­men, wenn bei einzelnen Teil­nehmern der Eindruck ent­steht, dass Zeit ungleich und ungerecht zugeteilt wird, wenn sich etwa ein einzelner Teilneh­mer besonders lange Redezei­ten herausnimmt und dies für andere zu Lasten der verfügba­ren eigenen Redezeit geht.

Der Moderator
braucht Instrumente, um das Einhalten der Zeitvorgaben zu gewährleisten, zum Beispiel die Zimbeln: ein Paar aus Sil­berbronze gegossene, in der Tonhöhe abgestimmte kleine Becken, die zart glockenähn­lich, aber lange nachklingen. Ihr äußerer Durchmesser be­trägt ungefähr 8 bis 10 cm. Kennzeichnend ist eine kleine halbkugelige Wölbung mit Öffnung für einen dünnen Hal­teriemen und ein breiter, fla­cher Rand. Zimbeln werden durch streifendes Aneinander-schlagen der Ränder zum Klingen gebracht. Ein kleines Musikinstrument mit wohltu­end dezentem Klang, das zu den wichtigsten Utensilien ei­nes Moderators gehört.

Eine Uhr braucht der Modera­tor auch, möglichst mit Sekun­denzeiger, und außerdem einen Zeitplan, ob niedergeschrieben oder im Kopf. Andererseits er­fordern die in der Dynamik ei­ner Gruppe unvorhersehbaren Ereignisse eine flexible An­passung der Zeiteinteilung. Oft stellt sich heraus, dass das zu­vor mühsam zurechtgelegte zeitliche Grundgerüst schnell in sich zusammenfällt – ein Umbau der Bestuhlung wird fällig, drei Wortmeldungen drängeln sich noch in der War­teschlange, eine angekündigte Übung soll noch durchgeführt werden etc. Da ist Moderation schwierig, wenn doch der Wert der Entschleunigung ge­wahrt werden will.

Die Teilnehmer zur Achtsamkeit einladen
Achtsamkeit heißt einfach: beobachten, was jetzt gerade geschieht, ohne es zu bewer­ten. Das ist leichter gesagt als getan, denn unser Gehirn ist darauf getrimmt, alle Situatio­nen, Begegnungen, Wahrneh­mungen, Gedanken und Ge­fühle in Echtzeit zu bewerten. Mag ich das oder mag ich das nicht? Sind diese Wahrneh­mungen interessant oder lang­weilig? Sind diese Gedanken anständig oder unanständig? Sind diese Gefühle wünschens­wert oder will ich sie vermei­den?
Dieser Bewertungsreflex hilft uns, die Vielfalt der auf uns einstürmenden Eindrücke zu sortieren und schnelle Ent­scheidungen zu treffen. Zu­gleich schränkt der Reflex un­sere Wahrnehmungsfähigkeit ein, zementiert Denkgewohn­heiten und lässt uns Ungewohn­tes oder Ungeahntes leicht übersehen. Das Konzept der Achtsamkeit enthält aber radi­kale Aufforderungen, die die Teilnehmer erst nach und nach begreifen:

  • Bringe die kreisenden Gedanken zur Ruhe!
  • Gib nicht den vertrauten Denkreflexen nach!
  • Betrachte altbekannte Vorgänge immer wieder neu und vorurteilslos!

Wenn wir die kreisenden Ge­danken loslassen, halten wir uns nicht ständig mit dem Ver­gangenen auf und verlieren uns auch nicht in Zukunfts­träumen, sondern bleiben in der Gegenwart präsent. Wir schauen nach innen, während wir gleichzeitig in Verbindung mit dem Außen bleiben.
Mediziner und Psychothera­peuten wissen, dass Achtsam­keitsübungen heilsame Wir­kungen entfalten können. Solche Übungen sind mittler­weile in der Therapie von Stresserkrankungen anerkannt. Denn die erste Voraussetzung für die Bewältigung von Stress ist die Wahrnehmung der ei­genen Reaktionsmuster. Bei Depressionen hilft insbesonde­re die Gegenwartszentrierung, um das laufende Kopfkino zu beenden und aus den fatalen „Grübelschleifen“ auszustei­gen.   (Vgl. Ulrich Schnabel, DIE WELT, 10.10.2013)

Ein team-dynamisches Trai­ning sollte immer auch ein Training in Achtsamkeit sein und die Teilnehmer zur Wahr­nehmung des Moments einla­den – beispielsweise indem die Gruppe schweigend im Kreis beisammensitzt und die Stille genießt. Der Trainer kann da­zu ansagen, den eigenen Atem zu beobachten oder auf den sich sekündlich neu mischen­den Gedankensalat zu achten. „Man bekommt beim Schwei­gen ganz gut ein Maß für die Zeit“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel einmal in einer Kabinettssitzung. „Haltet bitte mal eine Sekunde die Klap­pe!“ meinte sie damit (ZEIT Magazin, 31.10.2013).

Ein wissenschaftlicher Nach­weis der positiven Wirkungen von Stille ist nicht einfach. Das Dilemma der Wissen­schaftler ist, dass die wesentli­chen Ziele eines Achtsam­keitstrainings nicht objektiv gemessen werden können. Man ist auf die Befragung der Teilnehmer angewiesen. Die reagieren in der Regel positiv und dankbar.

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