Well Team Times (223)

Das Raumverhalten hat 4 Dimensionen - Ein Gastbeitrag von Armin Poggendorf

Well Team Times (223)

Das Raumverhalten hat 4 Dimensionen

Raumverhalten (= Proxemik) bedeutet nicht das Verhalten des Raumes – wie etwa das Schülerverhalten das Verhalten eines Schülers bedeutet. Es bedeutet das Verhalten eines Menschen im Raum – nicht im architektonischen, sondern im sozialen Raum, den die anderen Menschen durch ihre Anwesenheit bilden. Auch dieser Raum hat die geometrischen Dimensionen: Länge, Breite, Höhe.

  1. Länge ist eine Strecke auf einer Geraden, eine Distanz von einem Punkt zum anderen, also von einem Menschen zum anderen.
  2. Die Länge zusammen mit der Breite ergibt eine Fläche. Ein Mensch, der auf einer Fläche steht, kann rundum schauen und hat dann gegebenenfalls andere Menschen vor, hinter oder neben sich. Er kann sich jeweils nur in eine Richtung wenden.
  3. Länge und Breite ergeben zusammen mit der Höhe einen Raum. Erst durch das Hinzukommen dieser dritten Dimension ergibt sich ein Raum. Der Mensch nimmt mit seinem Körper eine bestimmte Position im Raum ein. Zur körperlichen Distanz und Ausrichtung kommt also die Körperhöhe hinzu, wobei die Augenhöhe eine besondere Bedeutung hat.
  4. Bei der Proxemik kommt jedoch noch eine vierte „Dimension“ hinzu: die Berührung, die natürlich nur stattfinden kann, wenn die Positionen der Menschen im Raum es ermöglichen.

Haben wir jemals darüber nachgedacht, wie wir uns um andere herum und zwischen ihnen bewegen? Wer weicht wem aus? Wie weit entfernt stehen wir, wenn wir mit jemandem reden? Wo setzen wir uns hin in einem Seminar, im Bus, im Restaurant? Warum haben wir eine bestimmte Position gewählt und nicht eine andere? Das ist kein Zufall. Wie platzieren wir unsere Schüler, Studenten, Seminarteilnehmer, unsere Kollegen, Mitarbeiter, unsere Gäste?
Können wir eine Sitzordnung bestimmen, oder müssen wir uns auf eine vorgegebene Konstellation einstellen?

Wir Menschen haben einen gewissen cleveren Code, der tief in uns verankert ist, wenn es um die räumlich-körperliche Position geht. Obwohl wir die Distanz, die wir zu anderen einhalten, nicht mit dem Zollstock abmessen, wissen wir genau, was die richtige Nähe ist. Und wir wissen auch, ob wir einen Menschen lieber von vorn oder von der Seite anschauen, ob wir uns ihm gegenüber groß machen oder den Blick senken. Schließlich wissen wir auch, ob wir jemandem die Hand geben oder ihn umarmen wollen.

Es ist eine entscheidende soziale Kompetenz zu verstehen, wie wir uns im Raum zwischen den anderen Menschen positionieren, um eine adäquate Beziehung herzustellen und uns sozial und zielführend einzubringen. Wenn wir hier einen Fehler machen, können wir jemanden sehr irritieren. Das Schlimme daran ist, dass der andere uns wahrscheinlich nicht einmal etwas davon sagen wird – zumal auch für ihn die proxemische Reaktion unbewusst abläuft. Andererseits können wir mit Erfahrung und Einfühlung in die proxemischen Bedürfnisse ein funktionierendes, freundliches soziales Beziehungsfeld aufbauen.

Die Proxemik ist für Menschen, die sich mit der Körpersprache und deren bewusstem Einsatz beschäftigen, von unschätzbarem Wert. So wie wir Mimik, Gestik und Körperhaltung lesen und verstehen, ist es wichtig zu wissen, wie wir uns im sozialen Raum positionieren. Und dieses Wissen hilft uns tatsächlich bei sozialen Begegnungen, wenn wir sie erleben oder arrangieren.

Proxemik ist Ursprache des Körpers

Im Prinzip sind wir in unserem Raumverhalten nicht weiter als es die Urmenschen waren.
Bevor sich bei unseren Vorfahren die Sprache ausbildete, kam es im fortwährenden Überlebenskampf auf die Position in der natürlichen und sozialen Umgebung an. Die Chancen und Gefahren waren eng gekoppelt an die räumliche Konstellation der einzelnen Menschen zueinander. Konnte der eine dem anderen beistehen? Konnten sie einander Rückendeckung geben? Hielten sie zusammen? Gab es jemanden, der durch den Blick von oben die Aufsicht hatte? Wer konnte sich in der Horde groß machen, wer musste sich ducken, Kopf und Schultern einziehen, den Oberkörper beugen oder in die Hocke gehen? Wer durfte wen wie berühren?

So etwas war oft lebensentscheidend. Darum kann man das Raumverhalten als vorrangige Körpersprache bezeichnen – im Sinne einer Ursprache, die in ihrer Macht und Bedeutung noch heute alle anderen Ausdrucksformen des Körpers übertrifft. Auch heute noch, ob in der Familie, in der Firma oder im Verein, ist es eine existenzielle Frage: Wo und wie stehen wir am besten in Bezug zu den anderen Menschen im Raum? Haben wir Überblick oder schauen wir aus der Froschperspektive? Schauen wir einander an oder kehren wir uns den Rücken zu?

Bei Gegenverkehr: Wer weicht wem aus?

Diese proxemische Frage haben wir fast täglich. Der Status spielt eine Rolle. Wenn dieser nicht erkennbar ist, zum Beispiel in einer Fußgängerzone oder in einem fremden Treppenhaus, zeigen  die Körperhaltung und die Körpererscheinung ihre Wirkung.

Begegnen sich zwei Menschen auf einem engen Weg, in einem Flur oder auf dem Bürgersteig, dann zeigt sich innerhalb von Sekundenbruchteilen, wer den höheren beziehungsweise tieferen Status repräsentiert. Man erkennt es nämlich daran, wer wem ausweicht, das ist ein einfaches Signal. Derjenige mit dem tieferen Status weicht demjenigen mit dem höheren Status aus, er erweist Respekt, zeigt seine Achtung. Manchmal gibt es ein kurzes Statusgerangel, in dem die Frage in der Regel ganz schnell geklärt wird. Weniger als eine Sekunde reicht dafür aus. Es braucht kein Gespräch, keine Diskussion, nur einen ultrakurzen Moment der unbewussten Reflexe.

Mit „tiefer“ oder „höher“ ist noch keine Bewertung der sich begegnenden Menschen verbunden.
Im Gegenteil: Sowohl im höheren als auch im tieferen sozialen Status liegen Chancen und Risiken. Denn es braucht immer beide. Status beschreibt das situative und relative Machtverhältnis, und dieses kann sich jederzeit ändern. In Stresssituationen und im Menschengetümmel wird uns unser mitgegebener, anerzogener, meist unreflektierter Status steuern – und nicht wir ihn.

Der Unterschied im Status, sei er groß oder auch relativ klein, wird von uns meist unbewusst erlebt. Bei der Begegnung auf der Straße, auf dem Gang oder in der Kantine, immer findet auf subtile Art und Weise eine Abstimmung statt, bei der diese Fragen geklärt werden: Wer weicht wem aus? Wer hält dabei wie viel Abstand? Wer lässt in einer engen Passage wem den Vortritt? Ob wir rechts oder links aneinander vorbeigehen, bestimmt die Richtung, aus der wir kommen. Bei frontaler Begegnung, wird wohl oft eine Rolle spielen, dass wir auf deutschen
Straßen rechts fahren. Es herrscht immer eine unbewusste Kommunikation, in der geklärt wird, wer gerade Vorrang hat.

Es gibt aber auch die bewusste, blitzschnelle Entscheidung, einem Entgegenkommenden auszuweichen, zum Beispiel aus Vorsicht, Höflichkeit, Aufmerksamkeit, Bescheidenheit oder Mitgefühl. Beispiele:
Der Kellner trägt ein Tablett mit vielen Gläsern. – Der Paketzusteller hat es eilig. – Die alte Dame soll sich nicht erschrecken. – Das Kind tollt herum. – Die Mutter mit dem Kinderwagen soll nicht ausweichen müssen. Da weichen wir aus, auch wenn wir uns eines höheren Status sicher sind.

Interessant ist, dass zwei nebeneinander gehende Menschen so gut wie nie ausweichen, wenn ihnen ein Einzelner entgegenkommt. Sie fühlen sich zu zweit sozial verschweißt, so dass sie eine Phalanx bilden. Sie schenken sich gegenseitig so viel Aufmerksamkeit, dass ihnen nicht in den Sinn kommt, zu zweit auszuweichen oder gar sich kurzzeitig zu separieren. Wer sollte dann vorangehen und wer hinterher?

Format Well Team Times
Themen
Diesen Beitrag teilen auf Diesen Beitrag teilen: Leserbrief schreiben

Hier geht es zu meiner Datenschutzerklärung

Notice: Undefined index: cookie_permission in /www/htdocs/w00d5fdf/mario-neumann-2013/wp-content/themes/neumann/footer.php on line 33