Well Team Times (219)

Emanzipative Werte - Ein Gastbeitrag von Armin Poggendorf

Well Team Times (219)

Emanzipative Werte

Ein Wertesystem umfasst die Gesamtheit der Ideale, Ziele, Wünsche, Vorbilder und Hoffnungen, sowie das religiöse und weltanschauliche Bekenntnis. Werte sind geprägt durch:

  • ästhetische Kriterien, das Streben nach dem Schönen
  • ethische Kriterien, das Streben nach dem Guten

Die Wertesysteme sind zwischen den Kulturen, Religionen und Gesellschaftsschichten unterschiedlich. Innerhalb einer Gesellschaft sind sie oft konträr und in den Zeiten nicht stabil, sie wandeln sich. Im Zuge des gegenwärtig stattfindenden Wertewandels werden handlungsleitende Werte in ihrer Bedeutung zurückgestuft, andere Teile des Wertesystems nehmen dann ihren Rang ein. So wurden beispielsweise die ursprünglich hochgehaltenen „Pflichtwerte“ in unserer Gesellschaft durch „Selbstentfaltung“ abgelöst.

Vgl. Haisch/ Weitkunat 1999

Der Teamdynamiker

muss die Werte und Werthaltungen seiner Teilnehmer erkennen und anerkennen, und er muss sich seiner eigenen Werte bewusst sein. Zu folgenden Werten sollte er auf jeden Fall eine Meinung haben:

Anmut, Aufgeschlossenheit, Aufrichtigkeit, Ausgeglichenheit,
Authentizität, Begeisterungsfähigkeit, Bescheidenheit, Beständigkeit, Beweglichkeit, Diplomatie, Disziplin, Ehrlichkeit, Einfachheit, Einfühlsamkeit, Ernsthaftigkeit, Einsatz, Fleiß, Flexibilität, Freundlichkeit, Freundschaft, Friede, Geborgenheit, Gelassenheit, Großherzigkeit, Güte, Harmonie, Humor, Initiative, Klarheit, Kompetenz, Kreativität, Spontaneität, Lebensfreude, Leichtigkeit, Leidenschaft, Leistung, Liebe, Menschlichkeit, Mut, Neugier, Offenheit, Optimismus, Produktivität, Pünktlichkeit, Pflichtbewusstsein, Ruhe, Sensibilität, Sicherheit, Spiritualität, Stabilität, Sympathie, Verbindlichkeit, Verschwiegenheit, Verständnis, Vertrauen, Vielseitigkeit, Wärme, Weitsicht, Zentriertheit, Zielstrebigkeit, Zuneigung, Zuverlässigkeit, Zuversicht …

Was heißt emanzipativ?

Werte, die die Selbstbestimmung des Menschen ins Zentrum stellen, bezeichnen wir als emanzipative (auch emanzipatorische) Werte:

  • Selbstbestimmung
  • Entscheidungsfreiheit
  • Gleichberechtigung des Einzelnen

Diese Werte stellen persönliche Freiheit über Gruppenzwang, individuelle Vielfalt über kollektive Einheit und bürgerliche Autonomie über staatliche Autorität. Bei umgekehrten Prioritäten sprechen wir von konformistischen Werten. Emanzipatorische Werte betonen die Entfaltung des Menschen, konformistische Werte seine Disziplinierung.

Als Erbe des Humanismus und der Aufklärung machen die emanzipativen Werte den Kern der kulturellen Identität des Westens aus. Während in den westlichen Länder etwa 60 Prozent der Bevölkerung emanzipative Werte betonen, sind es zum Beispiel in der islamischen Welt nur 20 Prozent. Dabei gewinnen emanzipative Werte im Westen weiter an Bedeutung.

Individualisierung und Solidarität

Der Anstieg der emanzipativen Werte ist ein Symptom der Individualisierung. Wer den Werteverfall beklagt, setzt oft Individualisierung mit wachsender Selbstsucht und Solidaritätsverlust gleich. Dies ist eine Fehleinschätzung, zeigen die Daten doch, dass eine individualistische Haltung mehr und nicht weniger Solidarität erzeugt. Denn, wer die Menschen in erster Linie als autonome Individuen sieht und nicht sofort in unauflösbare Gruppen einteilt, dem fällt es leichter, Solidarität über Gruppengrenzen hinweg aufzubauen.

Egoismus und Altruismus

Menschen sind mit emanzipativen Werten eher altruistisch als egoistisch orientiert: Sie haben mehr Vertrauen zu den Mitmenschen, sind hilfsbereiter und zu größeren Opfern bereit, wenn es um die Bekämpfung von Armut und Umweltverschmutzung geht.

Mit dem Anstieg emanzipativer Werte entstehen neue Wertesynthesen. Traditionell standen Leistungs-und Genusswerte im Widerspruch. Emanzipative Werte lösen diesen Widerspruch auf: Emanzipativ orientierte Menschen wollen sehr wohl etwas erreichen und aufbauen, wissen gleichzeitig aber die schönen Dinge des Lebens zu genießen. Protestantische Arbeitsethik und bourgeoise Lebensart finden hier in produktiver Weise zusammen.

Gesellschaftliches Engagement

Emanzipative Orientierungen haben eine stark motivierende Kraft. Sie veranlassen die Menschen, für ihre Ideale auch aktiv einzutreten. Nur tun sie dies nicht in Organisationen, in denen man die Verantwortung an Funktionäre abgibt, sondern in eher lokalen und informellen Zusammenhängen – dort, wo man die Dinge selbst in die Hand nehmen und überschauen kann. Diese Formen direkter Beteiligung sind mit den emanzipativen Werten in allen postindustriellen Gesellschaften stark angewachsen. Gesellschaftliches Engagement ist nicht rückläufig – insbesondere nicht das selbstbestimmte Engagement.

Der emanzipative Wertewandel befördert die Vitalität, Kreativität und Produktivität einer Gesellschaft. Deutschland liegt in dieser Entwicklung mit an der Spitze der westlichen Länder, übertroffen nur von den skandinavischen Ländern und den Niederlanden. Der allseits postulierte Untergang des abendländischen Wertekanons ist eine glatte Fehldiagnose. In Wahrheit präsentiert sich der Wertewandel als eine Annäherungsbewegung an die Ideale des Humanismus und der Aufklärung.

Vgl. Christian Welzel, DIE WELT,
27.07.2007

Wertesysteme gegenseitig anerkennen

Jeder hat sein Werte-und Verhaltenssystem, das er von seiner Familie, seinen Lehrern, Ausbildern und seinen Freunden übernommen hat. Und dann haben die eigenen Lebenserfahrungen noch einen Akzent gesetzt. Und jeder meint, das seinige sei das richtige. Sein Gewissen richtet sich nach dem, was er in den prägenden Phasen seines Lebens gelernt und erfahren hat. Dieses Gewissen sagt aber überhaupt nichts über das Richtige, sondern nur über das in seinem Herkunfts-und Wirkungsbereich bisher Gültige.

Diskussion und Durchsetzung

Wenn jetzt zwei „Richtige“ zusammengeraten, gibt es eine Diskussion. Am Anfang eines Teambildungsprozesses gibt es einen Kampf, der meist unterschwellig, manchmal offen ausgetragen wird und bei dem es darum geht, wer sein Wertesystem gegen das des anderen durchsetzt. Es gibt dann einen Durchsetzungsfähigeren, und der andere zieht sich zurück. Der Durchsetzungsfähigere hat zwar gewonnen, doch er hat den anderen für sich verloren. Das ist das normale Muster. Der Durchsetzer sieht meist nicht, dass das System des anderen die gleiche Berechtigung hat.

Eine Lösung gelingt, wenn man miteinander spricht und gegenseitig das System des anderen anerkennt. Daraufhin suchen die beiden einen Weg, wo beides auf einer höheren Ebene kreativ zu einer Einheit wird, so dass sich jeder mit diesem neuen, umfassenderen Wertesystem gut fühlt. Das ist in der Regel mehr, als wenn einer seine Werte durchgesetzt hat. Insbesondere der Teamdynamiker muss die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der von den Teilnehmern mitgebrachten Werte erkennen und anerkennen.

Vgl. Neuhauser 1999, 120 f.

„Ich bin eher ein analytischer Mensch, denke aber leidenschaftlich über Gesellschaftspolitik nach. Gerne akzeptiere ich auch andere Werturteile. Von mir werden Sie nicht erleben, dass ich andere beleidige, nur weil wir konträre Werturteile fällen. Es geht um das Wertefundament, die Struktur unserer Meinungen und Haltungen. Das Interesse an solchen weltanschaulichen Fragen hat mich auch als junge Frau in die Politik gebracht.“

Kristina Schröder, Familienministerin, in DIE WELT, 21.04.2012

 

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