Well Team Times (222)

Was macht ein Proxemiker? - Ein Gastbeitrag von Armin Poggendorf

Well Team Times (222)

Was macht ein Proxemiker?

Wie die Mimik und die Gestik ist auch die Proxemik ein Teil der Körpersprache. In For­schung und Praxis bedeutet Proxemik soviel wie Raum­verhalten: also die eingenom­mene räumliche Position in Bezug zu den anwesenden Menschen als Ausdruck sozia­ler und emotionaler Beziehun­gen. Kurz gesagt, Proxemik ist die räumlich-körperliche Kon­stellation. Sie hat vier Dimen­sionen: Distanz, Augenhöhe, Ausrichtung, Berührung.
Der Proxemiker moderiert mit dem proxemischen Blick. Da sich generell die sozio-emotio­nalen Beziehungen zwischen Menschen proxemisch abbil­den, kann er über das Raum­verhalten der Einzelnen etwas über deren Beziehungen erken­nen. Mit seinem Blick deutet er, mit seiner Intervention steuert er:

  • Er kann die proxemischen Konstellationen beobachten, deuten und die sozialen Beziehungen, dabei auch einzelne Potenziale oder Defizite, einschätzen.
  • Er kann mit seinen Inter­ventionen steuern, indem er proxemische Konstella­tionen vorschlägt, um die Entwicklung der sozialen Beziehungen anzustoßen.

Konstellationen interpretieren
In einem Training oder Work­shop ist es im laufenden Pro­zess für den Trainer wichtig, die räumlichen Positionen, Ausrichtungen und Berührun­gen zwischen den Teilneh­mern zu beobachten, zu „le­sen“: Wie weit sitzen sie aus­einander? In welche Richtung drehen sie ihre Stühle und ihre Körper? Können sie es aushal­ten, im Stuhlkreis zu sitzen? Rücken sie nach innen oder nach außen? Sitzt jemand auf­recht, geknickt oder herunter­gerutscht auf seinem Stuhl? In welchen Grüppchen stehen sie in den Pausen zusammen? Sitzt jemand in der Pause er­höht auf der Fensterbank oder auf dem Tisch? Finden Berüh­rungen statt?

Wenn der Trainer den Teil­nehmern keine Platzierung im Raum vorgibt und somit je­dem einzelnen unausgespro­chen den „Freiraum“ lässt, sich seinen Platz und seine Ausrichtung selbst zu wählen, dann wird ein plastisches so­ziales Gebilde, ein lebensgro­ßes Beziehungsgeflecht, sicht­bar. Denn jeder stellt oder setzt sich in die Nähe eines anderen, von dem er sich Anbindung oder Anknüpfung verspricht. Niemand lässt einen anderen nahe an sich heran oder be­rührt ihn, wenn er ihn nicht leiden kann. Die Entfernung, die körperliche Höhe und Aus­richtung der Personen im Raum sowie die Art der Berührungen spiegeln die sozialen Bezie­hungen im Team wider. Was sich zeigt, ist ein lebendiges Soziogramm. Der Proxemiker beobachtet und interpretiert, er liest die Konstellationen.

Konstellationen initiieren
Der Proxemiker kann auch proxemische Konstellationen vorschlagen und dadurch die Beziehungen zwischen den Teilnehmern anregen und för­dern. Er setzt oder stellt die Menschen in speziellen Kon­stellationen in den Raum. Er setzt sie beispielsweise in ei­nen geometrisch runden Kreis, bei dem man die Mitte als so­zialen Fokus nutzen kann: in den so genannten „teamdyna­mischen Kreis“. Er setzt sie zu Seitengesprächen in den rech­ten Winkel, er setzt oder stellt sie gegenüber, er stellt sie in die Reihe und eventuell auch in eine Reihenfolge. Er stellt den Einzelnen vor einen Halb­kreis. Es gibt ganz viele proxe­mische Interaktionsformen, die alle ihre spezifische Wir­kung auf die soziale Dynamik und auf die Beziehungen zwi­schen den Teilnehmern haben.

Die soziale Konstellation bildet sich räumlich ab
und die räumliche Konstellation wirkt sich sozial aus

Der Proxemiker
fördert und beeinflusst also den sozio-dynamischen Pro­zess, indem er die Proxemik quasi von beiden Seiten nutzt. Das heißt, dass er nicht nur beobachtet und interpretiert, sondern auch proxemisch in­terveniert: Er lenkt das Raum­verhalten und steuert damit den Prozess: Er schlägt den Teilnehmern bestimmte räum­lich-körperliche Positionen, Konstellationen und Berührungen vor und gibt damit den sozialen Beziehungen einen Impuls, sich zu zeigen, auszurücken und eventuell zu ver­ändern. Beispiele:

  • Der Trainer setzt die Teil­nehmer in einen Kreis, bittet sie, sich in der Mitte zu zeigen und Statements abzugeben, um die Inter­aktion in Gang zu setzen.
  • Er stellt sie nach einem Kriterium (Dienstalter, Fähigkeit, Einsatz oder Leistung) in eine Skala, schafft damit ein Gefälle, so dass Information und Motivation fließen können.
  • Er stellt sie nebeneinander und schaut, ob sie den Schulterschluss suchen oder einander die kalte Schulter zeigen.
  • Er arrangiert das „Hinterm­Rücken-Gespräch“ und er­fährt, was an verborgenen Einschätzungen auftaucht.
  • Er setzt alle Teilnehmer in zwei Reihen gegenüber, lässt sie systematisch weiterrücken und fördert damit, dass jeder mit jedem in Kontakt kommt.

Mit welchen Teilnehmern?
Wer sind die Teilnehmer, mit denen der Proxemiker arbeiten kann? Es ist immer ein ihm anvertrautes oder ihm unter­stelltes Kollektiv, ein soziales System, das lernen will oder kreativ und produktiv werden will: ein Arbeitsteam oder Trainingsteam, ein Kollegium, Gremium, Ensemble, ein Klub, eine Gruppe, Abteilung, Mannschaft, Gemeinschaft, Klassengemeinschaft, Crew, Kohorte, Fraktion.
Im einzelnen sind es: Klienten, Kunden, Mitarbeiter, Mitglie­der, Kameraden, Kollegen, Genossen, Schüler, Studenten, Pa­tienten.

In welchen Settings?
Wann und wo immer Men­schen beisammen sind, um zu lernen, sich fortzubilden, zu tagen, kreativ oder produktiv zu werden: also im Workshop, Training, Meeting, Seminar, in der Schule im Unterricht, beim Projekttreffen, bei Konferen­zen, in Inszenierungen, Sy­stemaufstellungen. Die Veran­staltungen können eine belie­bige Dauer haben, von 90­minütigen Trainingseinheiten bis hin zu 3-tägigen Work­shops.
Will man ein proxemisches Training veranstalten, dann sollte ein geeigneter Raum zur Verfügung stehen. Dieser ist ein wesentlicher Faktor für das Gelingen des Trainings. Das kann nicht im Freien, sondern nur in einem Raum bei ge­schlossenen Türen stattfinden. Wichtig ist, dass der Raum möglichst eine flexible Be­stuhlung hat, damit die ge­wünschten proxemischen In­teraktionsformen ohne Um­stände rasch hergestellt wer­den können. Die Wände gren­zen den Raum ab und damit auch die Personengruppe. Wer durch die Tür tritt, ist Teil der Proxemik. Wer den Raum ver­lässt, ist nicht mehr dabei. Wer im Raum körperlich anwesend ist, wird automatisch in einen sozio-dynamischen Prozess hineingezogen.

Brauchen wir Equipment?
Proxemik findet überall und ganz von selbst statt, wo Men­schen aufeinander treffen. Von daher werden keine besonde­ren Mittel benötigt. Es ist ja gerade das Wesentliche der Proxemik, dass wir für unser Verhalten im Raum, wenn wir uns zueinander positionieren, keine Hilfsmittel brauchen, keine Pinnwand, kein Flip­chart, keinen Computer, kei­nen Beamer, kein Skype-Programm, keine Mikrofon­anlage, kein Handy. In proxe­mischen Workshops brauchen wir lediglich Stühle, möglichst von der gleichen Art.

Angewandte Proxemik – auf den Punkt gebracht
Was ist das Besondere an der Angewandten Proxemik? Es bleibt eine Herausforderung, das Wesentliche dieser Me­thode kurz, quasi in einer Nuss­schale darzustellen:

Der Proxemiker moderiert
nach proxemischen
Gesichtspunkten,
das heißt, er schaut auf die räumlich-körperliche
Konstellation und motiviert
den Teilnehmer, sich in die
Mitte und in die Reihe
zu stellen. In der Mitte werden die
Einmaligkeit und
Einzigartigkeit des
Teilnehmers sichtbar,
in der Reihe werden seine
Ähnlichkeit und Vergleich­barkeit dargestellt.

 

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