Well Team Times (225)

Das Wesen systemischer Aufstellungen - Ein Gastbeitrag von Armin Poggendorf

Well Team Times (225)

Zum Wesen der Systemischen Aufstellungen

Bei systemischen Aufstellun­gen wird die soziale Stellung (der Stand) eines Einzelnen an­schaulich dadurch, dass man sehen kann, wo er räumlich in Beziehung zu den anderen steht, wie er dort steht, und ihn auch fragen kann, wie er sich dort fühlt: Hat er einen guten oder schwierigen Stand? Was nimmt er wahr, welchen Im­puls verspürt er? Wie ist seine körperliche Befindlichkeit? Die entscheidende Frage ist: Wo hat er seinen besten Platz? Hiernach wird schrittweise ge­sucht. Oft gibt es am Schluss ein „Lösungsbild“, eine Kon­stellation, in der sich alle Betei­ligten gut, mindestens aber bes­ser fühlen.
Sind die Betroffenen anwesend (zum Beispiel ein trainierendes Team), so können sie sich selbst aufstellen. In der Regel sind die zum System zugehöri­gen Personen jedoch nicht an­wesend, dann kann sehr gut auch mit Stellvertretern gear­beitet werden. Diese können ebenso gut die Energiefelder wahrnehmen und erzeugen. Sie sind Repräsentanten, Gäste in fremden Feldern. Man spricht von „repräsentierender Wahr­nehmung“. (Siehe unten)

Von der Beschreibung zum lebendigen Ausdruck
Bei Problemen in oder mit sozi­alen Systemen verhilft die Auf­stellungsarbeit zu einem Wech­sel von der linearen „Wenn­dann“-Problembeschreibung zu einem plastischen, anschau­lichen Ausdruck. Hier wird die Qualität der jeweiligen Bezie­hungen sichtbar und erlebbar. Indem die sprachliche Be­schreibung durch eine analoge, bildhafte, räumlich-körperliche Information ersetzt wird, wer­den neue Verarbeitungspro­zesse ermöglicht. So entsteht ein neuer Zugang zur Situation, und neue Lösungen können ge­funden werden.

Aufstellungen können auf meh­reren Ebenen positiv wirken: in der psychischen Befindlich­keit, im Erleben der privaten und beruflichen Beziehungs­systeme und beim Erreichen subjektiver Ziele. Interessant ist, dass die positiven Wirkun­gen nicht nur für aktive Teil­nehmer zutreffen, die gerade ein eigenes Anliegen einbrin­gen oder eine Stellvertretung übernehmen, sondern auch für die teilnehmenden Beobachter, die als Stellvertreter zur Verfü­gung stehen. (Vgl. Jan Weinhold, in: Praxis der Systemaufstellung 1/ 2013, S. 88)

Aufstellungen gehören zu den szenischen Methoden
Die Begriffe systemische Auf­stellung und systemische In­szenierung überschneiden sich. Eine Systemaufstellung setzt ein System in Szene. Insofern ist eine systemische Aufstel­lung auch eine systemische In­szenierung.
Der Begriff systemische Insze­nierung ist weiter und lässt mehr methodische Vielfalt zu. Er ist eher ein Oberbegriff, nicht festgelegt auf eine be­stimmte Tradition der System­aufstellung. Interaktionen, wie sie in der Angewandten Team­dynamik praktiziert werden (etwa die Alleinstellung in der Mitte, die Selbstinszenierung in der Triade, das Casting, die Sketche) sind letzten Endes auch systemische Inszenierun­gen.
Eine Systemaufstellung geht gewöhnlich in angehaltenen Konstellationen (= statischen Bildern) sukzessive voran, während eine Inszenierung sich durchaus dynamisch, wie ein Spiel aus sich selbst heraus entwickeln kann.

Die repräsentierende Wahrnehmung
Die repräsentierende Wahrneh­mung ist das zentrale, leitende Phänomen, das bei Aufstellun­gen mit Stellvertretern („Re­präsentanten“) regelmäßig auf­tritt. So sucht der Teilnehmer, der etwas aufstellen will, Stell­vertreter beispielsweise für die Mitglieder seiner Herkunftsfa­milie: einen anwesenden Mann für seinen Vater, eine anwe­sende Frau für seine Mutter etc. und für sich selbst ebenfalls ei­nen Stellvertreter.
Ab dem Moment, wo diese Stellvertreter räumlich in Be­ziehung zueinander stehen, nehmen sie auf faszinierende Weise bestimmte Zustände oder Energien wahr, also „fremde“ Gefühle, die sehr weitgehend mit den Gefühlen der Personen übereinstimmen, die sie vertreten. So reagiert zum Beispiel die Stellvertrete­rin der Mutter „genauso“, wie es die wirkliche Mutter in den entscheidenden Momenten ge­tan hat. Solche Übereinstim­mungen werden regelmäßig und immer wieder von den auf­stellenden Teilnehmern bestä­tigt. Offensichtlich können wir Menschen in einer Konstella­tion, in der wir als Stellvertre­ter für jemand anders stehen, dessen Befindlichkeiten und Gefühlszustände, Neigungen und Abneigungen wahrneh­men. Wir sprechen auch von der „stellvertretenden Wahr­nehmung“.
Damit die Stellvertreter wis­sen, was auf sie zukommt und was von ihnen verlangt wird, sollte der Aufstellungsleiter folgendes klargestellt haben: „Ihr Stellvertreter geht bitte da­von aus, dass alles, was ihr als Stellvertreter wahrnehmt, ganz aus der Rolle kommt und mit euch persönlich nichts unmit­telbar zu tun hat. Es kann sein, dass ihr körperlich etwas emp­findet, dass es irgendwo kalt oder warm wird, dass sich so­gar Schmerzen oder andere Symptome entwickeln, dass ihr euch irgendwo hingezogen oder abgestoßen fühlt. Es kann sich auch eine seelische Emp­findung einstellen, so dass ihr zum Beispiel Freude verspürt oder traurig werdet, dass es euch gut geht oder schlecht. Was auch immer kommt, es hat mit euch aktuell nichts zu tun, sondern nur mit der Person, für die ihr steht. Manchmal, wenn auch selten, kommt es vor, dass eine Rolle nicht erträglich ist, dass euch zum Beispiel schlecht wird oder schwinde­lig, so dass ihr es nicht mehr aushaltet. Wartet nicht, bis ich euch frage, wie es euch geht, sondern sagt es mir gleich. Dann kann ich euch aus der Rolle nehmen und jemand an­ders hineinstellen.“ (Vgl. Rauscher 2003, 201)

Erstaunlich war für mich, dass ich mich bei den Aufstellungen als Stellvertreter nur in meine Gefühlswelt hineingespürt habe und es dennoch das Anliegen des anderen Teil­nehmers berührte, dessen Problem aufgestellt wurde. Das ist wohl das Besondere an den Aufstellungen, die ich noch nicht ergründen konnte.
Florian Lörsch, Jurist

Wie die Erfahrung gezeigt hat, funktioniert diese stellvertre­tende Wahrnehmung selbst dann, wenn zu Anfang der Auf­stellung nichts erzählt wird, wenn keiner weiß, worum es geht, und wenn auch die Stell­vertreter nicht wissen, wen sie darstellen. Es wird sogar be­richtet, dass die Körperempfin­dungen bei Stellvertretern deutlicher werden, wenn sie nicht wissen, wen oder was sie gerade vertreten. Es scheint zweckdienlich zu sein, wenn den Stellvertretern nichts mehr zu denken und zu interpretieren bleibt. Sie können kein Vorur­teil entwickeln, wenn sie nicht wissen worüber. Sie können ganz unbefangen auf ihre Ge­fühle achten.
Die Effekte der repräsentieren­den Wahrnehmung können neuen Teilnehmern kaum nachvollziehbar beschrieben werden. Wenn ein Teilnehmer ein System aufstellt, mit dem er Probleme hat, wird er zunächst nur staunen; denn er wird beob­achten, wie stimmig die Aussa­gen der Vertreter sind, wenn er sie mit seinem realen System vergleicht. Wer sich für das Aufstellen interessiert, sollte es unter Anleitung eines ausgebil­deten Aufstellungsleiters prak­tisch erproben. In jedem Fall bedarf es einer experimentel­len, unmittelbaren eigenen Er­fahrung, um die Wirkungs­weise einschätzen zu können.

Wer kann mit Aufstellungen und Inszenierungen arbeiten?
Die Anwender von systemi­schen Aufstellungen und In­szenierungen sind in der Regel Menschen mit sozial-kommu­nikativen Aufgaben, sie sind zum Beispiel:
Trainer, Berater, Coaches, Päd­agogen, Gruppendynamiker, Teamdynamiker, Sozialpäd­agogen, Seminarleiter, Mode­ratoren, Supervisoren, Dozen­ten, Referenten, Therapeuten, Heilpraktiker, Regisseure, Ani­mateure, Führungskräfte.

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