Well Team Times (228)

Innere und äußere Haltung - Ein Gastbeitrag von Armin Poggendorf

Well Team Times (228)

Innere und äußere Haltung

Sprechen wir von der Haltung eines Menschen, so ist allein aus diesem Wort nicht ersichtlich, ob wir dessen Körperhaltung oder dessen innere Haltung meinen. Dabei sagen wir, dass die innere und die äußere Haltung einander entsprechen und dass diese Analogie in vielen Redewendungen zum Ausdruck kommt:

Da gibt es aufrichtige und geradlinige Menschen und auch solche, die gerne buckeln. Wir kennen steife und krumme Typen und solche, die gerne kriechen. Manch einem fehlt nicht nur Haltung, sondern auch Halt. Man kann auch versuchen, die äußere Haltung künstlich zu beeinflussen und zu ändern, um eine innere Haltung vorzutäuschen. So schreien die Eltern ihr Kind an: „Stell dich gerade hin!“ – „Kannst du nicht endlich gerade sitzen?“ So nimmt das Spiel der Unehrlichkeit seinen Lauf.

Etwas später ist es das Militär, das von seinen Soldaten verlangt: „Haltung annehmen!“ Hier wird die Situation grotesk. Der Soldat soll äußerlich Haltung zeigen, obwohl er innerlich keine haben darf. Das Militär drillt seit eh und je mit viel Aufwand die äußere Haltung, obwohl das strategisch gesehen, schlicht idiotisch ist. Weder Stechschritt noch Strammstehen bewähren sich im Schlachtgetümmel. Man braucht die Dressur der äußeren Haltung lediglich, um die natürliche Korrespondenz zwischen der inneren und der äußeren Haltung zu durchbrechen. Die innere Haltlosigkeit der Soldaten bricht dann auch jäh in der Freizeit durch, nach einem Sieg und ähnlichen Anlässen. Wir wissen aus der Geschichte, was Soldaten nach einem gewonnenen Krieg in der Bevölkerung des Verlierers sozial anrichten können.

Partisanenkämpfer haben keine äußere Haltung, da sie eine innere Identifikation mit ihrem Kampf besitzen. Die Effektivität nimmt mit der inneren Haltung deutlich zu und bei einer künstlichen äußeren Haltung deutlich ab.

Eine Haltung, die nicht dem inneren Wesen eines Menschen entspricht, erkennen wir sofort als unnatürlich. Doch in seiner natürlichen Haltung erkennen wir auch den Menschen. Vgl. Dethlefsen/ Dahlke 1983, 286 f.

Haltung in der Mitte

In der Mitte eines Kreises wird man von allen Seiten gesehen. Die ganze Gestalt und die Haltung werden sichtbar. Macht man Verrenkungen oder ist die Haltung nicht aufrecht, dann wird dies von den im Kreis sitzenden Personen wahrgenommen und kann als Unaufrichtigkeit gedeutet werden. Das Statement (lat. status = der Stand) in der Mitte ist deshalb so etwas wie eine Prüfung der Aufrichtigkeit durch das Team. Man soll für seine Sache „gerade stehen“, sonst wird sie keine Zustimmung bekommen. Im Team soll man Rückgrat (einen geraden Rücken) zeigen und sich nicht für etwas „krumm machen“.

Es ist nicht möglich, hinter dem Rücken die Finger zu kreuzen, die Hände in die Taschen zu stecken oder sonst etwas mit den Händen zu tun, ohne dass es jemand mitbekommt, da man von allen Seiten gesehen wird. Zugegeben, die Tatsache, dass die Hälfte der im Kreis Sitzenden einen nur von hinten sieht, kann man als Mangel empfinden. Aber das ist unerheblich, da man von Kopf bis Fuß und von allen Seiten gesehen wird. Es kommt neben dem Gesicht und dem Blickkontakt sehr darauf an, wie man zu seinen Äußerungen „steht“, und damit auf den Stand und die Haltung. Das ist nur von allen Seiten gut wahrnehmbar.

Haltung = Gesinnung, Einstellung

Die innere Haltung kann man auch als Gesinnung oder Einstellung bezeichnen. Die Grundhaltung ist durch Werte und Moral definiert. Sie bestimmt die Denkweise, die Zielsetzungen, Aussagen, Urteile und Handlungen des Menschen.

Die Einstellung bezeichnet in der Psychologie die aus der Erfahrung kommende Bereitschaft eines Individuums, in bestimmter Weise auf eine Person, eine soziale Gruppe oder eine Situation wertend zu reagieren. Diese Bewertung kann sich ausdrücken

  • kognitiv (Annahmen und Überzeugungen)
  • affektiv (Gefühle und Emotionen)
  • behavioral (Verhaltensweisen und Handeln

Beispiele für Einstellungen sind Vorurteile, Sympathie und Antipathie oder der Selbstwert. Einstellungen haben die Funktion, Menschen einzuschätzen sowie durch Identifikation und Distanzierung zu Mitmenschen eine gewisse soziale Anpassung zu erreichen. Eine Einstellung ist die Tendenz zu einer Reaktion, die auf Erfahrungen beruht und sich dadurch ausdrückt, dass man einen Menschen oder eine Situation mit Zuneigung oder Ablehnung bewertet und behandelt.

Haltung des Moderators

Der Teamdynamiker arbeitet personenzentriert und die Beziehung zu den Teilnehmern ist eine persönliche. Er muss zwar seine Moderation professionell gestalten und sein Vorgehen methodisch begründen können, er kann sich aber nie hinter einer Technik oder Methode verstecken.
Er bleibt als Person mit seinen Eigenheiten, Stärken und Schwächen exponiert.

Ein Training oder einen Workshop zu leiten ist sehr komplex und bedarf einer feinfühligen Handhabung. Der Teamdynamiker ist verantwortlich für das empfindliche Gleichgewicht:

  • zwischen Stabilität und Flexibilität
  • zwischen Programm und Prozess
  • zwischen Kognition und Intuition
  • zwischen Idealismus und Pragmatismus
  • zwischen Führung und Freundschaft
  • zwischen Intervenieren und Laufenlassen
  • zwischen dem Gruppenwohl und dem Wohl des Einzelnen.

Es gibt also antagonistische Werte und Ziele, die nicht immer leicht zu vereinen sind. Feingefühl verlangt es, aber auch Entschlusskraft kostet es,
wenn der Moderator bewusst wertschätzend und authentisch zugleich sein möchte.

  • Die Authentizität kommt mit seiner Spontanität, kommt aus seinem Gefühl. Er möchte „aus seinem Herzen keine Mördergrube machen“, möchte wahrhaftig sein: Er sagt, was er denkt, und er denkt, was er fühlt.
  • Die wertschätzende Haltung entspringt eher einem sozialethischen Konzept, einer Einsicht in das Funktionieren der Gesellschaft. Wertschätzung ist verbunden mit Respekt und Wohlwollen, drückt sich aus in Zugewandtheit, Interesse, Aufmerksamkeit und Freundlichkeit. Wenn das Gefühl keine Wertschätzung aufbringen kann, waltet die Vernunft, die Disziplin, manchmal auch die Heuchelei.

Was ist, wenn der Moderator für einen Teilnehmer oder dessen Verhalten spontan keine Wertschätzung empfinden kann – trotz wertschätzender Grundhaltung? Leider kann der Mensch mit dem Denken das Fühlen nicht überwinden. Er könnte sich nur bremsen, beherrschen, disziplinieren, wobei er wiederum die Authentizität erstickt. So muss der Moderator Wertschätzung und Authentizität sekundenschnell ausbalancieren. Das erfordert auch Mut. Denn mancher Teilnehmer denkt vielleicht, dass er in dieser Situation besser hätte moderieren können. Das Statement eines Moderators könnte etwa so lauten:

Unser Training nennt sich ganzheitlich und systemisch. Systemisches Denken bedeutet auch die Loslösung unseres Denkens von den Gegensätzen

  • richtig und falsch
  • gut und böse
  • schuldig und unschuldig.

Authentizität und Wahrhaftigkeit stehen über Wohlverhalten und Correctness. Auch ich werde mich nicht immer korrekt verhalten.

Ihr sollt wissen, ich bin kein guter Mensch und mache auch nicht alles richtig. Wenn ich bei meiner Moderation in euren Augen etwas „falsch“ mache, dann ist das für euch ein Beispiel, wie jemand es macht und ihr es dann in euren Veranstaltungen anders, besser machen könnt. Denn ihr sollt nicht werden wie der Trainer, und der Trainer lässt euch so, wie ihr seid.“

Ein Teamdynamiker sollte ohne Angst und ohne Absicht moderieren, die Inszenierungen angstfrei und absichtslos leiten. Er sollte lösungsorientiert arbeiten, aber er muss nicht auf Lösungen drängen. Im dynamischen Prozess genügt es, die Teilnehmer durch emotionale Phasen zu begleiten. Keine Emotion muss ausgewalzt oder ausgekostet werden. Emotionen sind keine Ziele, sie sind Strecken des Weges. Es genügt, eine Emotion zum Ausdruck zu bringen und in die nächste zu überführen. Die Veränderungen, die dadurch bei den Einzelnen eintreten, führen im team-dynamischen Kreis erfahrungsgemäß letzten Endes immer zu Entfaltung und Entwicklung.

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