Well Team Times (234)

Emotionale Nähe trotz körperlicher Distanz - Ein Gastbeitrag von Armin Poggendorf

Well Team Times (234)

Emotionale Nähe bei körperlicher Distanz

Die richtige Abstimmung zwischen Nähe und Distanz ist ein riesengroßes Thema in der menschlichen Gemeinschaft und Gesellschaft. Es ist aber ein besonderes Thema für Menschen, die sozial-kommunikativ unterwegs, also in lehrenden und leitenden, helfenden und heilenden Berufen tätig sind.
In der Angewandten Proxemik vertrauen wir grundsätzlich auf das Prinzip, dass sich die sozio-emotionale Beziehung räumlich-körperlich abbildet. Und umgekehrt, dass die räumlich-körperliche Konstellation sich auf die Entfaltung der Beziehung auswirkt. Somit dürfte man annehmen, dass sich bei Wahrung der sozialen und öffentlichen Distanzzone die persönlichen und intimen Beziehungen nicht wirklich entfalten können. Wer hat noch nicht davon gehört, dass Fernbeziehungen schwierig sind? Im allgemeinen dürfen wir davon ausgehen, dass die körperliche Konstellation der sozio-emotionalen entspricht.

Dabei gibt es Besonderheiten:

  • Bei Ärzten, Pflegern und Physiotherapeuten, Friseuren und Masseuren braucht es körperliche Nähe, wenn nicht sogar Berührung – dies aber bei Wahrung von emotionaler Distanz. Der Therapeut muss frühzeitig Grenzen setzen, um eine zu starke persönliche Beziehung zum Klienten zu meiden. Der Patient sollte sich nicht in die Krankenschwester verlieben.
  • Bei Pädagogen, Psychologen, Coaches, Chefs braucht es eine fein abgestimmte sozio-emotionale Beziehung oder Arbeitsbeziehung, also eine gewisse Nähe – allerdings bei Wahrung einer angemessenen körperlichen Distanz. Näher wäre sehr bald übergriffig. Die professionelle Distanz schützt den Coach davor, sich zu weit einzulassen, sich zu verstricken. Manchmal sind wir veranlasst, körperliche Distanz zu wahren und auszuhalten. Wir sind noch in der Öffentlichkeit präsent, dürfen uns dort nicht näherkommen, können oder dürfen nicht in die intime oder persönliche Distanzzone gehen. Da gibt es eine selbst gewählte, angeratene oder auch gebotene Distanz.

Bei Epidemien oder Pandemien wird sogar eine Distanz verordnet, die nicht geringer sein darf, als die Tröpfchen fliegen. Gleichzeitig ist gerade in solchen Krisenzeiten unsere Empathie, unsere emotionale Nähe zu anderen Menschen, intensiv gefordert. Wir müssen die Krise für uns persönlich meistern und wir müssen an andere denken. Das soziale Miteinander an den engen, gemütlichen Orten, den Klubs, Schulen, Vereinen, Märkten, Kantinen, Gaststätten, die wir sonst selbstverständlich gemeinsam aufsuchen, ist radikal ausgebremst. Wie können wir bei solchen Verhältnissen eine emotionale Nähe aufbauen oder aufrecht erhalten?
Die Technik bietet uns einige Möglichkeiten, über den Raum hinweg eine persönliche Nähe herzustellen und zu erleben. Was wir schon viele Jahre oder Jahrzehnte nutzen, sind: Briefe, Telefon, Skype, Chat, E-Mail, Zoom-Meeting etc.

Sind die Menschen miteinander im Blickfeld, also in der öffentlichen Distanzzone, und möchten ihren Wunsch nach persönlicher Nähe ausdrücken, so bedienen sie sich einer sprachlichen oder körpersprachlichen Übermittlungsform: anschauen, anlächeln, ansprechen, zurufen, zuwenden.
Es gibt auch raumüberbrückende Gesten:

  • militärisch grüßen
  • winken, eventuell mit dem Taschentuch
  • Luftkuss, ein Kuss, der meist über eine Entfernung nur angedeutet wird, entweder nur durch Spitzen der Lippen oder mit einer unterstützenden Gestik der Hände
  • den Hut ziehen (bei Herren)
  • Namasté, eine in asiatischen Ländern verbreitete Grußgeste, die sich auch im Westen immer mehr durchsetzt. Namasté bedeutet wörtlich übersetzt „Verbeugung zu dir“.  Es ist eine Zusammensetzung von náma (Sanskrit „Verbeugung“) und asté („zu dir“).

Die Ausdruckkraft und Kreativität der Menschen können noch viele Formen und Zeichen erfinden, damit die soziale Nähe auch bei Wahrung einer körperlichen Distanz ausgedrückt werden kann.

Distanzregelung beim Handschlag

Der Händedruck zwischen zwei Menschen dient auch als Distanzregler. Die Distanz lässt sich von beiden Seiten beeinflussen. Bleibt der andere beim Händeschütteln eher auf Distanz oder zieht er mich zu sich hin? Sieht er mich an oder blickt er bewusst weg? Das alles sind körpersprachliche Botschaften, die etwas über diese Person oder über das Verhältnis zwischen mir und dieser Person aussagen.
Wichtig ist nicht nur, was die andere Person macht, sondern auch, was ich selber möchte und wie ich reagiere. Will ich dem anderen näherkommen oder will ich ihn mir vom Leibe halten? Zeige ich Respekt oder signalisiere ich Vertrauen? Durch das eigene Distanzbedürfnis, die Reaktion des anderen und die vielen Gestaltungsvarianten beim Händedruck wird die passende Distanz hergestellt.
In Situationen, in denen es droht, dass das Gegenüber die passende Distanz unterschreitet, reicht das steife Entgegenstrecken der Hand, so dass zwischen beiden der größtmögliche Raum bleibt; reflexartig wird die Hand vom Gegenüber entgegengenommen und der Einfluss auf die passende Distanz steigt enorm. Hält man andere Menschen durch den weit ausgestreckten Arm räumlich auf Abstand, wirkt das auch emotional distanziert. Das kann ein Zeichen von Antipathie sein oder auch für Reserviertheit sprechen,
Motto: „Mein Vertrauen musst du dir erst noch verdienen.“
Der Händedruck bietet aber auch die Alternative des Herantastens. Man zieht die Hand des anderen vorsichtig an sich heran, natürlich mit einem Gefühl dafür, was individuell und gesellschaftlich erlaubt ist.
Die Gepflogenheit, einander die Hand zu geben, ermöglicht das Abschätzen, wie weit der Körperkontakt gehen darf. Mancher Händedruck endet so in einer herzlichen Umarmung.

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Emotionale Nähe trotz körperlicher Distanz - Ein Gastbeitrag von Armin Poggendorf

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Emotionale Nähe bei körperlicher Distanz

Die richtige Abstimmung zwischen Nähe und Distanz ist ein riesengroßes Thema in der menschlichen Gemeinschaft und Gesellschaft. Es ist aber ein besonderes Thema für Menschen, die sozial-kommunikativ unterwegs, also in lehrenden und leitenden, helfenden und heilenden Berufen tätig sind.
In der Angewandten Proxemik vertrauen wir grundsätzlich auf das Prinzip, dass sich die sozio-emotionale Beziehung räumlich-körperlich abbildet. Und umgekehrt, dass die räumlich-körperliche Konstellation sich auf die Entfaltung der Beziehung auswirkt. Somit dürfte man annehmen, dass sich bei Wahrung der sozialen und öffentlichen Distanzzone die persönlichen und intimen Beziehungen nicht wirklich entfalten können. Wer hat noch nicht davon gehört, dass Fernbeziehungen schwierig sind? Im allgemeinen dürfen wir davon ausgehen, dass die körperliche Konstellation der sozio-emotionalen entspricht.

Dabei gibt es Besonderheiten:

  • Bei Ärzten, Pflegern und Physiotherapeuten, Friseuren und Masseuren braucht es körperliche Nähe, wenn nicht sogar Berührung – dies aber bei Wahrung von emotionaler Distanz. Der Therapeut muss frühzeitig Grenzen setzen, um eine zu starke persönliche Beziehung zum Klienten zu meiden. Der Patient sollte sich nicht in die Krankenschwester verlieben.
  • Bei Pädagogen, Psychologen, Coaches, Chefs braucht es eine fein abgestimmte sozio-emotionale Beziehung oder Arbeitsbeziehung, also eine gewisse Nähe – allerdings bei Wahrung einer angemessenen körperlichen Distanz. Näher wäre sehr bald übergriffig. Die professionelle Distanz schützt den Coach davor, sich zu weit einzulassen, sich zu verstricken. Manchmal sind wir veranlasst, körperliche Distanz zu wahren und auszuhalten. Wir sind noch in der Öffentlichkeit präsent, dürfen uns dort nicht näherkommen, können oder dürfen nicht in die intime oder persönliche Distanzzone gehen. Da gibt es eine selbst gewählte, angeratene oder auch gebotene Distanz.

Bei Epidemien oder Pandemien wird sogar eine Distanz verordnet, die nicht geringer sein darf, als die Tröpfchen fliegen. Gleichzeitig ist gerade in solchen Krisenzeiten unsere Empathie, unsere emotionale Nähe zu anderen Menschen, intensiv gefordert. Wir müssen die Krise für uns persönlich meistern und wir müssen an andere denken. Das soziale Miteinander an den engen, gemütlichen Orten, den Klubs, Schulen, Vereinen, Märkten, Kantinen, Gaststätten, die wir sonst selbstverständlich gemeinsam aufsuchen, ist radikal ausgebremst. Wie können wir bei solchen Verhältnissen eine emotionale Nähe aufbauen oder aufrecht erhalten?
Die Technik bietet uns einige Möglichkeiten, über den Raum hinweg eine persönliche Nähe herzustellen und zu erleben. Was wir schon viele Jahre oder Jahrzehnte nutzen, sind: Briefe, Telefon, Skype, Chat, E-Mail, Zoom-Meeting etc.

Sind die Menschen miteinander im Blickfeld, also in der öffentlichen Distanzzone, und möchten ihren Wunsch nach persönlicher Nähe ausdrücken, so bedienen sie sich einer sprachlichen oder körpersprachlichen Übermittlungsform: anschauen, anlächeln, ansprechen, zurufen, zuwenden.
Es gibt auch raumüberbrückende Gesten:

  • militärisch grüßen
  • winken, eventuell mit dem Taschentuch
  • Luftkuss, ein Kuss, der meist über eine Entfernung nur angedeutet wird, entweder nur durch Spitzen der Lippen oder mit einer unterstützenden Gestik der Hände
  • den Hut ziehen (bei Herren)
  • Namasté, eine in asiatischen Ländern verbreitete Grußgeste, die sich auch im Westen immer mehr durchsetzt. Namasté bedeutet wörtlich übersetzt „Verbeugung zu dir“.  Es ist eine Zusammensetzung von náma (Sanskrit „Verbeugung“) und asté („zu dir“).

Die Ausdruckkraft und Kreativität der Menschen können noch viele Formen und Zeichen erfinden, damit die soziale Nähe auch bei Wahrung einer körperlichen Distanz ausgedrückt werden kann.

Distanzregelung beim Handschlag

Der Händedruck zwischen zwei Menschen dient auch als Distanzregler. Die Distanz lässt sich von beiden Seiten beeinflussen. Bleibt der andere beim Händeschütteln eher auf Distanz oder zieht er mich zu sich hin? Sieht er mich an oder blickt er bewusst weg? Das alles sind körpersprachliche Botschaften, die etwas über diese Person oder über das Verhältnis zwischen mir und dieser Person aussagen.
Wichtig ist nicht nur, was die andere Person macht, sondern auch, was ich selber möchte und wie ich reagiere. Will ich dem anderen näherkommen oder will ich ihn mir vom Leibe halten? Zeige ich Respekt oder signalisiere ich Vertrauen? Durch das eigene Distanzbedürfnis, die Reaktion des anderen und die vielen Gestaltungsvarianten beim Händedruck wird die passende Distanz hergestellt.
In Situationen, in denen es droht, dass das Gegenüber die passende Distanz unterschreitet, reicht das steife Entgegenstrecken der Hand, so dass zwischen beiden der größtmögliche Raum bleibt; reflexartig wird die Hand vom Gegenüber entgegengenommen und der Einfluss auf die passende Distanz steigt enorm. Hält man andere Menschen durch den weit ausgestreckten Arm räumlich auf Abstand, wirkt das auch emotional distanziert. Das kann ein Zeichen von Antipathie sein oder auch für Reserviertheit sprechen,
Motto: „Mein Vertrauen musst du dir erst noch verdienen.“
Der Händedruck bietet aber auch die Alternative des Herantastens. Man zieht die Hand des anderen vorsichtig an sich heran, natürlich mit einem Gefühl dafür, was individuell und gesellschaftlich erlaubt ist.
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