Well Team Times (242)

Händedruck adé? - Ein Gastbeitrag von Armin Poggendorf

Well Team Times (242)

Brauchen wir den Händedruck noch?

Ein Händedruck findet statt zwischen Menschen, die sich nicht nahestehen, die sich aber näherkommen, einander entgegenkommen, etwa um miteinander zu arbeiten, zu feiern oder nur um einander kennenzulernen. Auch Verträge werden durch Handschlag besiegelt. Der Händedruck ist zwar eine körperliche Begegnung, aber eine mit geringstem Körperkontakt. Wir alle kennen es aus dem Alltag, die Hand zu reichen, Hände zu schütteln. Wir haben unsere Freude am Handschlag – oder absolvieren nur eine Pflichtübung. Auf jeden Fall kommen wir einem Menschen beim Händedruck ein wenig näher. Der Händedruck ist Körpersprache. Durch die Qualität der Berührung können wir viel über uns, das Gegenüber und unsere soziale Beziehung erfahren und ausdrücken. Der Händedruck findet oft unbewusst statt, und doch erreichen uns die darin enthaltenen Botschaften, sie fließen in unsere Einschätzungen zur Situation und zur sozialen Beziehung ein.
Allerdings steht der gute alte Händedruck zur Disposition. Für manche gilt er als Relikt aus einer gesundheitsvergessenen Vor-Corona-Zeit. Die Händedruckskeptiker mobilisieren einen ganzen Schwung kultureller Argumente, die nahelegen, dass es um das Verschwinden dieses Kontaktes keineswegs schade wäre. Es brächte die Emanzipation, den Fortschritt, die Völkerverständigung, gar den Weltfrieden voran, wenn die altväterliche Sitte verschwände. Sie begründen es so:

  • Heute ist den Menschen nicht mehr bewusst, dass der Händedruck vor Urzeiten Friedfertigkeit und Waffenlosigkeit der rechten Hand offenbaren sollte.
  • Der Händedruck ist proletarisch, etwas Grobes, Brauchtum der Genossen, zwanghaft unter Kollegen. Sich die Hand zu geben ist eine Sitte von anno dazumal, nicht mehr modern.
  • Die Hippies haben schon auf den Händedruck verzichtet, um ein Zeichen gegen die autoritären, patriarchalischen Herrschersitten ihrer Eltern zu setzen. Man hob stattdessen die Hand und sagte „Hi“ oder „Hallo“.
  • Die kontaktlosen Formen des Begrüßens und Verabschiedens sind lockerer, unverbindlicher. Man verbeugt sich, kreuzt die Arme, man winkt, man ruft sich ein „Servus“ zu, verabschiedet sich mit „Ciao“.
  • Alles Hergebrachte ist ein Hindernis des Fortschritts zur autonomen, ungebundenen Persönlichkeit. Man will sich frei entfalten und freien Gebrauch von seinen Ellenbogen machen.
  • Der Händedruck ist deutsch und damit schon verdächtig. In der angelsächsischen Welt begrüßt man sich ohne körperliche Berührung.

All das drückt wenig Verbundenheit aus. Beim Handschlag hingegen ist das anders. Wenigstens für den Moment der Berührung hat man sich gegenseitig Gutartigkeit versichert. Haut und Körper sind in Kontakt getreten, die gemeinsame Kreatürlichkeit zweier Wesen aus Fleisch und Blut ist offenbar geworden. Man hat einen Menschen solide und solidarisch berührt.

Soziales Gespür

Sicherlich kennen wir alle jemanden, dem wir niemals gern die Hand gegeben haben, aber dass wir dieses Unbehagen überhaupt verspürten, war auch ein wichtiges soziales Zeichen. Und dieses wird sich nicht mehr zeigen, wenn die Sitte verschwunden ist.

Persönliche Geste

Der Handschlag hält sich in Kreisen, in denen es üblich ist, beim Eintreten selbst in einen größeren Kreis jedem Einzelnen die Hand zu geben – und beim Verlassen ebenso. Man kann in manchem Kollegenkreis nicht einfach frech in die Runde grinsen, sondern man geht auf jeden zu, blickt jedem in die Augen, nennt ihn beim Namen und hat manchmal sogar ein persönliches Wort. Der Händedruck heißt hier: Ich kenne dich, ich erkenne dich, ich erkenne dich an. Der Händedruck ist Ehrensache, ihn zu verweigern eine Beleidigung. Manchmal allerdings kommt man auch ohne das Händeschütteln aus. Mit einem Poch-poch-poch auf den Tisch kann man in einer Kneipe bestehen.

Abstandsgebot

Wenn man das Hygienegebot nicht zum höchsten Leitwert unsere Zivilisation erklären will, gibt es keinen Grund, den Händedruck für immer zu verbannen. Wir sollten dieses Ritual pflegen, sobald es seitens der Gesundheitsbehörden geht.
(Vgl. Jens Jessen: Rettet den Händedruck, DIE ZEIT, 20.05.2020)

Qualität des Händedrucks

Die Qualität wird gleich von mehrere Variablen bestimmt, die wir sofort wahrnehmen und – meist unbewusst – interpretieren:

  • Ist der Händedruck fest oder eher schlaff?
  • Ist die Hand weich oder eher rau?
  • Ist sie trocken oder eher feucht?
  • Ist sie warm, kalt oder etwa eiskalt?
  • Zeigt die Handfläche nach oben oder nach unten?
  • Greift die Hand voll zu oder nur teilweise?
  • Drückt die Hand oder schüttelt sie?
  • Wie lange dauert der Handkontakt?
  • Findet gleichzeitig ein Blickkontakt statt?

Unsere Mutmaßung über eine Person aufgrund eines Händedrucks bedeutet nicht zwingend, dass diese Person tatsächlich immer so ist. Viel wichtiger ist, was wir denken und fühlen, unabhängig von der Person. Und damit hat die Begegnung in der Situation des Händedrucks für uns – und unser Gegenüber – eine große Bedeutung. Innen-und Außenwelt sind miteinander verquickt: Wir zeigen unser Inneres im Außen, zum Beispiel wie wir die Hand reichen und andere dies auch spüren können. Wir können uns also im Zusammenhang mit Körpersprache unserem Innenleben zuwenden und hier mit der Arbeit beginnen. Welchen Wert gebe ich mir, meiner Botschaft? Welchen Wert gebe ich anderen? Der Händedruck drückt es aus.

Händedruck ist Echtheit

Weil der Händedruck beziehungsweise der Handkontakt als Form der Berührung nur zu einem Teil bewusst ist, ist er flüchtig, aber als Ausdruck von Emotionen auch voller Echtheit und Ehrlichkeit. Wir sollten solche Botschaften als Zeiger sehen, als Momentaufnahme, die uns den Weg zur Vertiefung von Beziehungen aufzeigt. Auf keinen Fall wollen wir Körpersprache als hartes Analyse-Werkzeug verwenden, um über Personen und deren Sozialbeziehungen in Stein gemeißelte Urteile zu fällen. Indem wir bewusster dafür werden, was wir selbst und andere fühlen und denken und wie sich dies ausdrückt, können wir lernen, achtsamer mit uns und mit anderen umzugehen.
(Vgl. Daniel Unsöld, Schauspieler und Trainer)

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